Seen-Hopping und Wandern in Yoho und Banff

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie Rocky Mountains: Jasper und Banff & Yoho National Parks
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Die Sache mit dem Zelten wäre richtig ungemütlich geworden.

In Golden erwartet uns zur Frühstückszeit das Wetter, das typisch für den pazifischen Nordwesten ist und das wir bisher nur in Schottland erleben durften: Eine allumfassende, durchdringend kalte Nässe, bei der man sich wundert, wie in diesem trostlos grauen Wolkenhimmel jemals die Sonne zu sehen sein konnte.

Nach einem Tag für lange Wanderungen und Picknick im Freien sieht es also nicht aus. Zum Glück kann man auch in kanadischen Parks mit stop-and-go-Tourismus solche Tage ganz brauchbar ausnutzen. Beim Frühstück wird Google Maps gestartet, nach Seen, Wasserfällen und Aussichtspunkten gesucht und versucht, möglichst viele solche Stops auf einer Route aufzureihen. Unser Bett für die nächsten drei Nächte steht in Canmore südöstlich von Banff. Bis wir dorthin kommen wollen wir noch möglichst viele sehenswerte Ecken im Yoho National Park und am südlichen Icefields Parkway anfahren.

Apropos Frühstück: Dass im Days Inn warmes Frühstück im Zimmerpreis inklusive ist wusste ich zwar, die Auswahl überrascht mich dann doch. Außer Waffeln, Toast und Pancakes gibt es Rührei, Bacon, Würstchen und Fleischbällchen. Für jeden, der die kargen nordamerikanischen Frühstücksbuffets gewöhnt ist eine echte Offenbarung 🙂

Kurz vor 10 Uhr starten wir satt und zufrieden Richtung Osten in den immer noch nassen und nebligen Morgen.

Yoho National Park I: Emerald Lake

Der Yoho National Park grenzt westlich an die bekannteren Parks um Banff und Jasper und ist hauptsächlich deswegen ein eigenes Schutzgebiet, weil er nicht in Alberta, sondern in British Columbia liegt. Südlich stößt noch der Kootenay National Park dazu und bildet gemeinsam mit einigen Provinzparks ein zusammenhängendes Schutzgebiet von der Größe von Rheinland-Pfalz.

Die einzige Siedlung im Park ist Field am Trans-Canada-Highway, der auch das Rückgrat des Parks bildet. Von hier zweigen Stichstraßen zu den meisten Attraktionen des Parks ab. Yoho ist schon auf den ersten Blick deutlich weniger touristisch überlaufen als Banff und Jasper. Die meisten Besucher (uns eingeschlossen) kommen nur für einen Halbtags- oder Tagesausflug hierher.

Stopp Nr. 1 ist der Emerald Lake, den wir von Field aus über eine 12 Kilometer lange Nebenstraße erreichen. Der See trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, je nach Licht und Wetter nimmt seine Oberfläche eine tiefe smaragdgrüne bis türkise Farbe an. Gestern am Icefield wurden wir belehrt, dass die faszinierende Farbe durch im Wasser gelöstes, von Gletschern heruntergeschwemmtes Gesteinsmehl stammt, das das Licht besonders reflektiert.

Yoho
Das am schwersten verdiente Foto der ganzen Reise: Emerald Lake im Yoho NP

Unterwegs sieht es kurz so aus, als käme die Sonne durch, aber kaum erreichen wir den Parkplatz am See gehen alle Schleusen auf. Der Pluspunkt: Wir sind quasi alleine mit der Natur und dem auch bei Regen faszinierenden Farbton der Wasseroberfläche. Der Minuspunkt: Es ist halt nass. Zumindest zu nass, als dass eine Wanderung Freude machen würde. Christopher und ich sind trotzdem verwegen genug, hier nicht ohne Foto wieder weg zu fahren. Während Nico sich mit seiner Regenhose abkämpft rennen wir die 100 Meter zum See, verewigen den Moment auf Speicherkarte und kommen komplett durchweicht wieder am Auto an, als Nico sich gerade fertig in seine Regenmontur geworfen hat. Von uns aus konnte es also weiter gehen. In Kombination mit den am härtesten verdienten Bildern des Urlaubs pure Situationskomik 😀

Yoho National Park II: Takakkaw Falls und Spiral Tunnels

Die nächste Abzweigung führt uns zur zweiten großen Attraktion von Yoho, den Takakkaw Falls. Der Wasserfall, der von einem Gletscher gespeist wird, stürzt stolze 302 Meter über eine Klippe in die Tiefe.

Es hat sich inzwischen ausgeregnet und wir nehmen den kurzen Spaziergang zum Fuß des Wasserfalls in Angriff. Schon vom Parkplatz aus hat man ihn gut im Blick und hört das Donnern des hinabstürzenden Wassers, aber die Perspektive direkt vom Fuß des Falls nach oben ist nochmal ein ganzes Stück beeindruckender. Vor allem, weil uns die Informationsschilder mitteilen, dass wir den Wasserfall aktuell mit seinem geringsten Wasservolumen betrachten. Direkt zur Schneeschmelze im Frühjahr müssen der Anblick und das Donnern des Wassers unvorstellbar sein.

Zurück auf dem Weg zum Trans-Canada-Highway stoppen wir noch an einer letzten Sehenswürdigkeit von Yoho, diesmal vom Menschen gemacht: Die Spiral Tunnels sind eine Serie von Eisenbahntunnels, die die Steigung des Kicking-Horse-Passes überwinden, indem sie sich spiralförmig im Berg nach oben schrauben. Verbunden mit der gewaltigen Länge der Züge in Kanada kommt man mit ein bisschen Glück in den Genuss eines besonderen Schauspiels:

Wir haben natürlich Glück und sehen den Kopf eines Zuges im unteren Tunnelportal verschwinden und ein paar Minuten später am oberen Portal wieder in gleicher Richtung auftauchen, während sein Ende noch lange nicht im Tunnel ist. Bis der komplette Zug den Tunnel passiert dauert es locker zwanzig Minuten.

Peyto Lake und Bow Summit Trail

Zur Mittagszeit lassen wir Yoho hinter uns und nehmen nochmal den südlichen Bereich um den Icefields Parkway genauer in den Blick. Leider ist es einerseits zu weit und andererseits das Wetter weiter zu unsicher, um die komplette Strecke bis zum Parker Ridge nach Norden zu fahren, deswegen muss ich mich leider endgültig von meiner Wunschwanderung verabschieden. Als fast genauso gute Alternative haben wir aber heute Vormittag den Bow Summit Trail ausfindig gemacht, der oberhalb des Peyto Lake beginnt.

Banff Peyto Lake
Peyto Lake, hier noch im Regenschleier

Von allen Seen, die wir in Kanada zu sehen bekommen, hat dieser hier die auffälligste Farbe. Das Türkis der Seeoberfläche ist so gleichmäßig und intensiv, als würde man auf verschüttete Farbe hinunterschauen. Den besten Aussichtspunkt, von dem man See, benachbarten Gletscher und Icefields Parkway im blick hat, erreicht man über einen kurzen Spaziergang vom Parkplatz aus. Als wir ankommen sind wir dank Nieselregen fast alleine. Die Szenerie wirkt bei Regen aber mindestens genauso dramatisch wie bei Sonnenlicht.

Von hier aus muss man ein wenig suchen, um den oberen Teil des Weges zu finden. Über eine alte Feuerschneise geht es aber noch gute 2,5 Kilometer weiter zu einem ebenso beeindruckenden wie einsamen Aussichtspunkt. Schon nach dem ersten Anstieg findet man statt Fichten nur noch kleingewachsenes, vom Wind in faszinierende Formen gebeugtes Krüppelholz (Das Wort steht so auch im englischen Wörterbuch). Noch weiter oben verschwindet auch diese Vegetation und der Blick schweift über das Tal und den Bow Pass bis zum Bow Lake im Süden. Das letzte Stück bis zum Aussichtspunkt ist wegen des nassen Wetters ein wenig rutschig, kaum sind wir oben verziehen sich aber wieder die Wolken und wir sehen die Szenerie im hellen Sonnenschein. Auf den Gipfeln gegenüber sieht man schon frischen Schnee.

Insgesamt sind wir für die knapp 6 Kilometer bis zum Gipfel und zurück knapp zwei Stunden unterwegs. Anstrengend ist der Weg nicht, nur beim letzten Anstieg sollte man wetterabhängig etwas aufpassen. Vom Verhältnis Aufwand zu Ertrag würde ich den Bow Summit Trail klar empfehlen. Einziges Manko: Die versprochenen Murmeltiere lassen sich heute leider nicht blicken, dafür gibt es wieder unzählige Streifenhörnchen und Pikas.

Start am Parkplatz am Peyto Lake
Wir starten im Regen
zuerst durch dichten Wald
Und immer weiter bergauf…
Eines von unzähligen Pikas
Die Sonne kommt pünktlich durch
Gegenüber leuchtet schon der erste Schnee auf den Gipfeln
Blick nach unten zum Icefields Parkway
Bow Lake vom Bow Summit aus
Bow Summit – das Ziel der Mühen
Beim Abstieg belohnt dann der Peyto Lake nochmal mit einem Anblick in voller Pracht
Peyto Lake vom Aussichtspunkt

Auf dem Weg nach unten genießen wir den Sonnenschein, zumindest bis wir wieder beim Peyto-Lake-Aussichtspunkt ankommen. Als hätten sie irgendwo gelauert haben sich alle Touristen der Umgebung verbündet, um bei der ersten Wolkenlücke über diese Aussichtsplattform herzufallen. Glücklicherweise haben wir unsere Fotos schon und müssen jetzt nicht Schlange stehen.

Bow Lake und südlicher Icefields Parkway

Ab hier geht es jetzt konsequent auf dem Icefields Parkway Richtung Süden. Der nächste Stopp nach ein paar Kilometern ist am Bow Lake, den wir schon von oben bewundern durften. Auch der ist wieder ein Gletschersee, anders als beim Peyto Lake ist hier aber das Ufer direkt zugänglich und wir nutzen die Gelegenheit für eine kleine Pause.

Für mich persönlich ist der Bow Lake der Favorit unter den Seen in den Rocky Mountains. Das Panorama mit dem Crowfoot Glacier im Hintergrund (Der Gletscher lief früher in drei Spitzen aus, die wie ein Krähenfuß aussahen) bildet einen beeindruckenden Rahmen. Überwältigend ist hier aber besonders der Farbübergang von blau am Rand ins türkise in den tieferen Seeregionen.

Nach dem Bow Lake stoppen wir noch an mehreren anderen Aussichtspunkten und Seen am Straßenrand, aber nie länger als für ein paar Minuten. Sehenswert ist noch der Hector Lake, der etwas abseits der Straße nur aus der Ferne zu sehen ist. Als wir vorbei fahren fällt gerade das Sonnenlicht schräg auf den See, während sich ein lokaler Schauer über das Wasser ergießt.

Banff Icefields Parkway
Ein kurzer Sonnenstrahl durch den Schauer am Hector Lake

Weiter südlich biegen wir diesmal Richtung Osten auf den Trans-Canada-Highway ab, der als zweispurige Autobahn an Lake Louise und Banff vorbeiführt. 25 Kilometer hinter Banff und kurz nach Verlassen des Nationalparks erreichen wir dann Canmore, unsere Basis für die nächsten drei Nächte.

Weiter nach Canmore

Um beim Erkunden von Banff möglichst flexibel zu sein haben wir gezielt nach AirBnB-Unterkünften gesucht und sind in Canmore bei Chrissy fündig geworden. Sie lebt mit ihren beiden Kindern direkt im Zentrum von Canmore in einem architektonisch absolut beeindruckenden Haus. Neben dem großen Zimmer, das für uns drei absolut ausreichend war konnten wir auch die Küche, den Wohn- und Essbereich und – (!) – die Sauna mitbenutzen.

Für mich der größte Pluspunkt von AirBnB ist der Familienanschluss, der einem häufig die wirklich guten Tipps für Ausflüge und Restaurants einbringt. Und für den Fall, dass ein Tag mal wirklich komplett verregnet ist, kann man in Ruhe ausspannen, ohne in einem dunklen Hotelzimmer festzusitzen.

Heute Abend lernen wir unsere Gastgeberin zwar noch nicht kennen, Chrissy hat uns aber jede Menge Tipps für den Abend in Canmore dagelassen. Uns ist mal wieder nach richtigem Essen und wir entscheiden uns für Patrinos Steak House fast in der Nachbarschaft. Warum nicht einmal in der neuen Welt griechisch essen? Die Moussaka ist perfekt, der Service freundlich und die Preise sehr in Ordnung. Die Chefin des Hauses ist auf jeden Fall eine echte griechische Matriarchin. Als einziges fehlt der Ouzo, stattdessen gibt es aber zum Abschied ein Bonbon mit Anisgeschmack 🙂

Canmore
Heute mal griechisches Essen in der neuen Welt. Kann man empfehlen 🙂

Auf dem Weg nach Hause machen wir noch einen kurzen Abstecher durch das Zentrum von Canmore. Der schöne kleine Ort hat knapp 15000 Einwohner und ist gut auf Touristen eingestellt, die das teurere und noblere Banff nebenan meiden. Im Zentrum tummeln sich Outdoorläden, Starbucks und eine nagelneue Sporthalle mit Schwimmbad und Kletterwand. Falls das Wetter schlecht bleiben sollte haben wir also schonmal unsere Beschäftigung für morgen gefunden 🙂



Golden, BC zum Emerald Lake: 38 Meilen / 61 Kilometer
Emerald Lake zu den Takakkaw Falls: 21 Meilen / 34 Kilometer
Takakkaw Falls zum Peyto Lake: 46 Meilen / 74 Kilometer
Peyto Lake zum Bow Lake: 4 Meilen / 6,7 Kilometer
Bow Lake nach Canmore, AB: 71,5 Meilen / 115 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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