Jasper National Park, Mount Edith Cavell & Miette Hot Springs

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie Rocky Mountains: Jasper und Banff & Yoho National Parks
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Zum ersten Mal seit Reisestart fühle ich mich nach der ersten Nacht im Jasper National Park komplett ausgeschlafen und wach. Keine Ahnung, ob es an der sportlichen Betätigung vom Vortag, an den traumhaften Betten in der Overlander Lodge oder der komplett einsamen Lage im Tal des Athabasca liegt, man kann einen Tag kaum besser starten als mit diesem Blick von der Terrasse:

Jasper
Mit dieser Aussicht wacht man gerne auf

Heute muss ich leider ohne Pancakes zum Frühstück auskommen. Wir starten schon früh um möglichst viel vom Park mitnehmen zu können. Auf dem Plan stehen zwar nur Ziele in der Nähe von Jasper, trotzdem dürften wir heute locker auf 300 Kilometer an Strecke kommen. Hauptsächlich, weil viele Seen, Wanderwege und sonstigen Ziele nur über Stichstraßen erreichbar sind, die vom Highway abzweigen.

Immerhin wird das Autofahren nie langweilig: Zu sehen gibt es überall etwas. Außerdem muss man pausenlos nach Wild und Bären am Straßenrand Ausschau halten. Erklärtes Ziel für heute ist mindestens einen Bären vor die Linse zu bekommen 🙂

Morgensonne am Maligne Lake

Station Nummer 1: Maligne Lake. Es ist fast unmöglich, Bücher oder Websites zum Thema Kanada zu finden, auf denen nicht gleich zum Start ein Foto dieses Bergsees prangt. (Dieser Blog rühmt sich als Ausnahme 🙂 ). Die Fahrt führt uns Richtung Jasper, dann noch einmal 40 Kilometer auf einer Seitenstraße durch Wald und einsame Täler. Bären bisher Fehlanzeige.

Jasper Maligne Lake
Die Kanufahrt hätte sich doch fast gelohnt. Aber auch vom Wanderweg am Ufer aus macht der Maligne Lake einiges her.

Per Auto erreicht man nur das Nordende des Sees, wo auch ein Besucherzentrum mit Restaurant und Souvenirshop liegen. Hier kann man für etwa 50 $ auch Kanus leihen und den See auf eigene Faust erkunden. Wir waren erst gestern auf dem Wasser und verzichten deshalb.

Die Besonderheit am Maligne Lake ist die kleine Insel Spirit Island mitten im See, die von Ausflugsbooten angesteuert wird. Vom Nordufer sieht man sie leider nicht, der See zieht sich über fast 20 Kilometer nach Süden. Beim Anblick der Massen an Touristen kann ich mir aber nicht vorstellen, wie die alle gleichzeitig auf die Insel passen sollen. Wahrscheinlich kann man froh sein, noch Platz für ein Foto zu finden. Ich habe auch Skrupel, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass diese Form des Tourismus ohne Schädigung der Natur möglich ist. Deswegen keine Bootstour.

Es gibt um den See aber jede Menge vielversprechende Wanderwege. Wir folgen dem Mary Schäffer Loop, der dem östlichen Seeufer folgt. Benannt ist er nach der bekanntesten Entdeckerin der kanadischen Rockies, die den Maligne Lake im Jahr 1908 als erste europäischstämmige Kanadierin besuchte. Der Weg ist ein entspannter Spaziergang, man hat die meiste Zeit tollen Blick auf den See und läuft durch ruhigen Nadelwald direkt am Ufer entlang.

Wirklich weit weg vom Ufer trauen wir uns momentan auch nicht, weil uns das wichtigste Utensil zum Wandern fehlt: Ein Bärenabwehr-Spray. Im Jasper NP ist es eigentlich auf allen Wanderwegen vorgeschrieben, um Bärenattacken vorzubeugen. Wir haben gestern vergessen, eines zu kaufen und wollen das später am Tag in Jasper nachholen. Bis dahin fahren wir Trittbrett und halten uns in der Nähe besser ausgerüsteter Wanderer 🙂

Zwischenstopp in Jasper – jetzt wird aufgerüstet

Wir werden nicht vom Bären geholt und brechen nach einer guten, sonnigen und entspannten Stunde am See in Richtung Jasper auf. Unterwegs kommen wir noch am Medicine Lake vorbei, der eigentlich nicht weniger szenisch zwischen den Bergen daliegt als der Maligne Lake. Da der Sommer aber seinem Ende zugeht ist der See momentan fast leer. Sein Boden ist mit Rissen durchzogen, deshalb leert er sich im Lauf des Sommers fast komplett, bevor er im Frühjahr durch die Schneeschmelze wieder gefüllt wird.

Um in Jasper einen Outdoor-Laden zu finden muss man maximal 20 Meter laufen. Für das Bärenspray zahlen wir 49 $ und sind ab jetzt ordnungsgemäß und sicher unterwegs. Zur Funktionsweise: Bärenspray ist eigentlich nichts anderes als ein starkes Pfefferspray. Eingesetzt wird es nur als letzter Ausweg, wenn man einem Bären begegnet und dieser sich nicht durch Schreien und offensives Gegenübertreten in die Flucht schlagen lässt. Dass es funktioniert zeigt die Statistik: Seit Bärensprays vorgeschrieben sind ist die Zahl der tödlichen Begegnungen mit Bären deutlich zurückgegangen. Aber schon vorher galt: Die weitaus meisten tödliche Unfälle im Park gingen auf das Konto von Hirschen.

In Sachen Mittagessen bin ich von Jasper immer noch unterwältigt. Außer Fastfood ist hier leider nichts brauchbares zu finden.

Wandern mit Gletscherblick am Mount Edith Cavell

Eigentlich sind wir ja hier um zu wandern. Dafür haben wir uns heute den Cavell Meadows Trail vorgenommen, der über 4,5 Kilometer und 500 Höhenmeter zu einer Bergwiese unterhalb des Mount Edith Cavell führt. Wir informieren uns vor dem Start im Visitor Center in Jasper noch über Warnmeldungen und Bärensichtungen in der Gegend. Das Bärenspray ist definitiv angebracht, erst gestern wurde auf dem Wanderweg ein Grizzly gesichtet.

Jasper Mount Edith Cavell
Der Bereich unterhalb des Gletschers ist eigentlich gesperrt, da immer wieder Eis abbricht. Ein paar Leute müssen natürlich trotzdem ganz nah heran

Zum Mount Edith Cavell gute 25 Kilometer südlich von Jasper führt eine weitere Stichstraße, die an der Schulter des Berges an einem viel zu kleinen Parkplatz endet. Diese erste Herausforderung ist aber irgendwann auch gemeistert. Schon hier sieht man den Grund, warum diese Tour so beliebt ist: Ein Stück über uns in der Felswand hängt der Angel Glacier, dem man so nahe kommt wie nur wenigen Gletschern in den Rocky Mountains. Die Gletscherzunge speist einen kleinen türkisblauen See, auf dem auch jetzt Ende August noch kleine Eisberge treiben.

Der Weg führt anfangs recht steil über die Seitenmoräne des Gletschers nach oben. Später biegen wir in den Wald ein, man hat aber zwischen den Bäumen immer wieder einen fantastischen Blick auf den Gletscher. Hier oben wird auch der Name klar: Der obere Teil des Gletschers verzweigt sich nach links und rechts und sieht mit etwas Phantasie wirklich wie Engelsflügel aus.

Irgendwann lassen wir den Wald hinter uns und erreichen die versprochene Gebirgswiese. Auch wenn im Spätsommer nur noch wenige Blumen blühen, ist es hier oben wunderschön. Man kann sich gut vorstellen, wie es hier im Mai oder Juni aussehen muss. Die meisten anderen Wanderer haben wir am ersten Aussichtspunkt hinter uns gelassen und sind jetzt fast alleine unterwegs. Der Weg führt noch über mehrere steile Anstiege nach oben zum zweiten Aussichtspunkt und Ziel. Hier haben wir endlich das ganze Panorama aus Berg, Gletscher, Wald und See im Blick und genießen erst einmal die fantastische Aussicht.

Jasper Mount Edith Cavell
Fast geschafft 🙂

Der Weg nach unten geht deutlich schneller und wir kommen nach knapp drei Stunden wieder am Parkplatz an. Die Begegnung mit dem ansässigen Grizzly bleibt uns erspart. Mein Fazit: Eine absolut lohnende Wanderung. Anfangs ist der Weg zwar ziemlich überlaufen, aber die zweite Hälfte des Weges sind nur noch wenige Wanderer unterwegs. Vom Schwierigkeitsgrad ist die Tour einfach bis moderat und der Weg gut in Schuss. Ohne Bärenspray würde ich hier aber nicht loslaufen, im Wald gehört nicht viel Phantasie dazu, von einem Bären überrascht zu werden.

Relaxen in den heißen Quellen

Zurück im Hotel stellt sich die Frage, was wir mit dem angebrochenen Abend noch anfangen wollen. Zumindest ich merke die Höhenmeter ein wenig in den Knochen und was gibt es da besseres, als im Pool auszuspannen?

Einen Pool hat das Hotel leider nicht zu bieten. In den kanadischen Rockies gibt es aber drei Orte mit Thermalquellen und bis zu den Miette Hot Springs sind es vom Osteingang des Parks nur gut 25 Kilometer. Noch besser: Die Quellen haben bis 23 Uhr geöffnet und der Eintritt ist mit 6 $ ein Schnäppchen. Christopher bleibt lieber im Hotel und wir steuern wieder auf einer einsamen Stichstraße durch den Wald.

Die Thermalquellen bestehen aus zwei knapp 40°C warmen Außenbecken, dazu gibt es zwei Becken mit 25 und 15°C zur Abkühlung. Handtücher und Notfalls auch (historische) Schwimmanzüge kann man sich für je einen Dollar vor Ort leihen. Jetzt am Abend ist das Bad immer noch gut besucht, es gibt aber reichlich Platz.

Nach der Wanderung ist das heiße Wasser die perfekte Entspannung. Dazu passt die Lage inmitten von Wald und Bergen und der traumhafte Sonnenuntergang zwischen den Gipfeln. Für mich sind die Miette Hot Springs ein echter Geheimtipp, an dem man leider leicht vorbei fährt.

Ach ja, da war doch noch was: Bären

Auf der Rückfahrt von den Miette Hot Springs zum Hotel ist es endlich soweit. Direkt vor uns überquert im Dunkeln ein Bär den Yellowhead Highway. Mehr als seine Silhouette sind zwar nicht zu erkennen, aber pro Forma ist das Tagesziel erfüllt 🙂



Overlander Lodge zum Maligne Lake: 57,5 Meilen / 92,5 Kilometer
Maligne Lake nach Jasper, AB: 30 Meilen / 48 Kilometer
Jasper zum Mount Edith Cavell: 16,7 Meilen / 27 Kilometer
Wanderung zu den Cavell Meadows: 5,6 Meilen / 9 Kilometer
Mount Edith Cavell zur Overlander Lodge: 50 Meilen / 81 Kilometer
Overlander Lodge zu den Miette Hot Springs und zurück: 33,5 Meilen / 54 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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