Das andere Teahouse – Lake Louise und die Plain of Six Glaciers

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie Rocky Mountains: Jasper und Banff & Yoho National Parks
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Die Woche in Jasper und Banff ist schon wieder fast vorbei und für den letzten Tag in den Bergen haben wir uns noch eine der besten Wandertouren überhaupt aufgehoben: Von Lake Louise aus geht es zur Plain of Six Glaciers, von wo aus man neben dem Bergpanorama der Rockies gleich sechs Gletscher im Blick hat.

Das Wetter hat sich immer noch nicht wirklich im Griff: Zwar regnet es nicht mehr, aber über Canmore hängt dichter Nebel. Wir hoffen einfach, dass sich die Wanderung trotzdem lohnt und brechen nach Kaffee und reichlich Pancakes in Richtung Westen nach Lake Louise auf. Beim Frühstück ertappt uns unsere Gastgeberin Chrissy noch mit unserem – ihrer Meinung nach – minderwertigen Sirup und beglückt uns stattdessen mit echtem, 100%-igen Ahornsirup. Man muss ihr zugestehen, dass sie recht hat. Geschmacklich liegen wirklich Welten dazwischen.

Bow Valley Parkway  nach Lake Louise

Hinter Banff verlassen wir den Trans-Canada-Highway und biegen auf den Bow Valley Parkway ab, der landschaftlich deutlich mehr her macht und parallel zum gleichnamigen Fluss bis Lake Louise führt. An dieser Strecke liegen die Ausgangspunkte für jede Menge Abstecher und Wanderungen, zum Beispiel zum Johnston Canyon mit seinen Wasserfällen.

Banff
Tempo 50 am Bow Valley Parkway, auch wenn sich heute kein Wild blicken lässt

Hier sollen auch die Chancen besser Stehen, Tiere am Straßenrand beobachten zu können. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass auf kaum einer Strecke so viele Wildunfälle zu verzeichnen sind wie hier. Auf dem Großteil des Parkway ist deshalb maximal Tempo 50 erlaubt, außerdem sind hier viele Wohnmobile unterwegs. Alle Campingplätze, an denen wir vorbeifahren, sind auch an diesem eher grauen Tag schon vor 11 Uhr morgens komplett voll.

In Sachen Wildlife haben wir auch heute kein Glück, aber die Fahrt über den Parkway lohnt sich auch der Landschaft wegen. Auch nach einer Woche kann ich mich nicht an Wald und Bergen satt sehen 🙂 Am Ortseingang von Lake Louise kommen wir am Ende einer massiven Blechlawine abrupt zum Stehen. Offensichtlich drängt es nicht nur uns nach zwei verregneten Tagen wieder ins Freie.

Wir folgen der Autoschlange zuerst bis zum obersten Parkplatz am See, finden aber auch nach drei Runden keine Parklücke. Also zurück bergab. Der nächste Parkplatz ist zwar offensichtlich auch voll, aber wir biegen trotzdem ab. Und: Dreistigkeit siegt! Die unglaublich freundliche Parkwärterin hat Mitleid mit uns und weist uns unter dem neidischen Blick der anderen auf der Straße aufgereiten Fahrzeuge ein Stück Böschung zum Parken zu 😀 Scheinbar der ganz normale Wahnsinn in Lake Louise, aber zusätzlich ist heute der letzte Samstag vor Schulanfang, den noch viele Familien für einen Ausflug nutzen.

Vom See zum Plain of Six Glaciers Teahouse

Lake Louise ist zu Recht der meistbesuchte See im Banff NP. Auch hier leuchtet das Wasser wieder in tiefem, mattem Türkis und alles wird durch gezackte Gipfel und mächtige Gletscher majestätisch eingerahmt. Das Bild wird nur maximal gestört durch den riesigen Klotz des Chateau Lake Louise Hotels, der in seiner Hässlichkeit am Ende des Sees thront. Da hat irgendeine Baubehörde sehr geschlampt. Das Hotel ist trotz jenseitiger Preise mehr als gut besucht. Aber man kann ja auch mit dem Rücken zum Hotel den See bewundern und schon ist wieder alles gut 😉

Banff Lake Louise
Lake Louise, noch in Nebel gehüllt

Direkt am Seeufer starten gleich mehrere beliebte Wanderwege. Die am stärksten frequentierte Tour führt über sieben Kilometer und 385 Höhenmeter zum Lake Agnes, wo ein Teehaus auf müde Wanderer wartet und zurück. Unsere Wahl ist aber der Plain of Six Glaciers Trail, der insgesamt 13 Kilometer und 420 Höhenmeter hinauf zu einem Aussichtspunkt auf der Seitenmoräne des Lower Victoria Glacier, von dem aus man die besagten sechs Gletscher zum Greifen nah vor sich hat. Unterwegs findet sich ein weiteres Teehaus, das aber nur einen Bruchteil der Besucher von Lake Agnes anzieht und relativ unbekannt ist. Lake Agnes und Plain of Six Glaciers lassen sich auch problemlos zu einem längeren Rundkurs verbinden.

Heute hängt noch eine dicke Schicht Nebel in den Bergen. Wir hadern ein wenig damit, in diese Nebelsuppe hineinzuwandern, starten aber einfach entlang des Sees, mit der Option umzukehren, falls das Wetter umschlägt. Der Weg führt auf dem ersten Stück immer am Seeufer entlang und bietet schöne Ausblicke auf das Wasser. Am Ende des Sees hat man dann auch den Großteil der dichten Menschenmassen hinter sich gelassen, auch wenn auf dem Rest der Wanderung immer noch reichlich Wanderer unterwegs sind. Der Gletscherbach, der Lake Louise speist, hat hier ein Delta aus Steinmehl hinterlassen, das auf Holzstegen überquert wird. Über uns ragen jetzt gewaltige Klippen auf, an denen sich mehrere Kletterer nach oben mühen. Sehr beeindruckend.

Am Ende des Sees überqueren wir das Delta aus Steinmehl
Der Lake Agnes Trail ist die kürzere und beliebtere Alternative zu unserer Route
Grizzlys sind rund um Lake Louise eine reale Gefahr
Ein Blick zurück zum See
Ein Paradies für Kletterer
Das nächste Stück Weg geht durch den Wald
Der Nebel hält sich noch eine ganze Weile hartnäckig…
Der Blick auf die Gletscher ist schon vom Teahouse aus fantastisch
In der Ferne lockt schon das Ziel

Nach einer weiteren Biegung geht der Weg in den Wald über. Hier wird explizit vor Grizzlys gewarnt, die hier häufig gesichtet werden. Wir haben natürlich unser Bärenspray dabei, sind aber trotzdem wachsam. Das Wetter entwickelt sich zum Vorteil und ich schäle mich Stück für Stück aus meinen Kleidungsschichten, bis ich nur noch im T-Shirt unterwegs bin. Weiter oben müssen wir uns zuerst auf einem Vorsprung entlang einer Felskante entlang bewegen, dann geht es auf der Seitenmoräne des ersten Gletschers weiter nach oben, während hinter uns der See und das Hotel langsam immer kleiner werden. Hier überwinden wir den Großteil der 400 Meter Höhenunterschied, die Tour ist aber zu Recht als moderat eingestuft und mit etwas Grundfitness gut zu schaffen.

Ein paar steile Kehren weiter oben erreichen wir dann endlich eine grüne Almwiese, an deren Rand ein paar Ruhebänke und das Teehaus warten. Leider sind alle Plätze belegt und statt Tee gibt es den mitgebrachten Proviant. Die Besatzung des Teehauses arbeitet hier oben übrigens in 5-Tages-Schichten und wohnt in der Zeit auch hier, natürlich ohne Strom und fließend Wasser. Vorräte werden entweder beim Aufstieg zu Beginn der Schicht mitgenommen oder zu Saisonbeginn per Helikopter transportiert.

Banff Lake Louise
(Zwischen-)Ziel der Mühen: Das Six Glaciers Tea House

Wir genießen den Ausblick, der schon von hier atemberaubend ist. Wir kommen beim Zählen zwar nicht auf die versprochenen sechs Gletscher, aber durch das enge Tal entsteht ein Gefühl kompletter Abgeschiedenheit und man fühlt sich wie in einer Arena von Gipfeln und Gletschern eingekreist. Nach einer halben Stunde Pause nehmen wir das letzte Wegstück zum Abbot Pass Viewpoint in Angriff.

Weiter zum Abbot Pass Viewpoint und zurück

Die letzten 50 Höhenmeter führen hauptsächlich über steiniges Gelände und Gletschermoränen. Für die anderthalb Kilometer hin und zurück brauchen wir eine knappe Stunde. Da das Gelände ab hier ungeschützt dem Fallwind von den Gletschern ausgesetzt ist, wird es empfindlich kalt. Unterwegs kommen wir an den ersten Schneeresten vorbei. Ich packe mich Schicht für Schicht wieder in Sweatshirt und Jacke und bin am Ende froh, auch meine Handschuhe dabei zu haben.

Banff Lake Louise
Mit zunehmender Höhe wird es kalt. Sehr kalt.

Das Ziel ist nicht wirklich offensichtlich bis man es erreicht. Der Ausblick lässt einen dann aber definitiv innehalten: 270° Panorama von Gipfeln und Gletscher und auf dem letzten Stück der Rundumsicht sieht man Lake Louise im fernen Tal schimmern. Unter uns sehen wir die blau leuchtenden Gletscherspalten des Lower Victoria Glacier, vor uns hängt der obere Teil der Eismassen am Hang des Mount Victoria. Pünktlich zu unserer Ankunft verziehen sich die letzten Wolkenschleier und wir können die Gletscher (beim Zählen komme ich immer noch auf alle denkbaren Zahlen zwischen 5 und 9) in voller Pracht bewundern.

Einige der kleineren Gletscher sind fast völlig verschwunden, hier zeugen nur noch die über Jahrhunderte angehäuften Geröllmassen von ihrer ehemaligen Größe. Christopher, der dank seines gestörten Temperaturhaushalts immer noch mit T-Shirts und Shorts unterwegs ist, klettert noch bis zum oberen Rand der Moräne weiter, wir bleiben am Aussichtspunkt und lassen die Szenerie auf uns wirken.

Es wird Kalt im ewigen Eis. Vom Gletscher bläst ein ständiger kalter Wind
Der Blick zurück auf Lake Louise und das Hotel
Auf der Gletschermoräne geht es noch ein Stück weiter nach oben
Inspirierende Aussichten 🙂
Pünktlich oben angekommen verziehen sich die letzten Wolken
Drei der sechs Gletscher
Sieht aus wie Geröll, darunter steckt aber Eis mit tiefen Gletscherspalten
Von den in der Felswand hängenden Eismassen brechen immer wieder Stücke ab
Am Aussichtspunkt liegt der Abbot Pass direkt vor uns. Oberhalb des Gletschers liegt eine Schutzhütte

Der Abstieg geht natürlich deutlich schneller und einfacher von statten. Am Wegrand haben wir Glück und sehen ein Murmeltier, das direkt neben dem Weg sitzt. Ein tiefes Donnern verkündet, dass irgendwo hinter uns ein Stück Gletscher als Lawine zu Tal gegangen sein muss.

Ich komme auf dem Weg nach unten noch mit Steve und seiner Frau aus Pittsburgh in ein Gespräch (Hauptsächlich über die besten Nationalparks, aber auch über die anstehende Präsidentschaftswahl und Donald Trump. Steve wandert aber ohnehin demnächst nach Kanada aus und sieht dem Ganzen gelassen entgegen). Nach ziemlich genau fünf Stunden stehen wir wieder vor dem Hotel, während sich oben in den Bergen die Wolken wieder zuziehen. Glück muss man haben 🙂

Moraine Lake

Nach erfolgreicher Wandertour peilen wir noch den 15 Kilometer von Lake Louise entfernten Moraine Lake an, einen weiteren wunderschönen Gletschersee. Die Zufahrt zur Stichstraße Richtung See wird von Park-Rangern kontrolliert, die für jedes herausfahrende Fahrzeug ein neues einlassen. Wir müssen jetzt am Nachmittag aber nur fünf Minuten warten bis wir weiter dürfen. Der Parkplatz am See ist trotzdem komplett überfüllt und wir finden nur einen Kilometer weiter am Straßenrand Platz zum Parken.

Am Moraine Lake überfordern mich zum ersten Mal die Menschenmassen. Anders als an bisherigen Seen ist hier nur ein kleiner Uferstreifen zugänglich, an dem sich die Menschen förmlich stapeln. Die bekannteste Perspektive für ein Foto hat man von einem Hügel aus Steinen am Ufer, auf dem Menschen wie Ameisen übereinander klettern. So schön der See an sich ist, wir suchen schnell das Weite.

Whisky und Kaminfeuer

Zurück in Canmore haben wir Zuwachs bekommen. Chrissy vermietet am Wochenende zusätzlich zu unserem Zimmer auch ihr daneben liegendes Maler-Atelier über AirBnB und für heute Abend haben wir Kim aus Deutschland und Michael aus Australien als Nachbarn, die beide in Edmonton wohnen und eine Kurztour nach Banff machen.

Canmore
Unsere Gastgeberin ist hauptberuflich Malerin und vermietet ihr Atelier am Wochenende über AirBnB

Chrissy hat Freunde zu Besuch und lädt uns alle ans Kaminfeuer ein. Bei kanadischem Whisky (Forty Creek, kann man trinken) und Wein geht es um Chrissys Arbeit als Malerin, das Leben als Deutsche in Kanada, Donald Trump und ob Deutsch wirklich eine so fiese Fremdsprache ist.

Canmore
Auch in Kanada gibt es ordentlichen Whisky

Außerdem packt Chrissy Geschichten über ihre bisherigen AirBnB-Gäste aus: Das Highlight war ein chinesisches Pärchen, das die Idee hinter Bärenspray missverstanden hatte. Anders als Insektenspray ist es eben nicht dazu da, sich selbst einzusprühen… Autsch :/ Alles in allem der perfekte Ausklang für die Zeit in den Rockies, bevor wir morgen in die Präriemetropole Calgary aufbrechen.



Canmore nach Lake Louise: 53 Meilen / 85,3 Kilometer
Wanderung von Lake Louise zur Plain of Six Glaciers und zurück: 8,1 Meilen / 13 Kilometer
Lake Louise zum Moraine Lake: 8,9 Meilen / 14,4 Kilometer
Moraine Lake nach Canmore: 58,4 Meilen / 94 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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