Grenzübergang – Von Seattle nach Vancouver

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie Pacific North West: Seattle & Vancouver
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Der Schlaf war offensichtlich dringend nötig: Ich wache nach elfeinhalb Stunden traumlosen Schlafs auf, gefühlt hätten es aber auch noch ein bis zwei Stunden mehr sein dürfen. Ich erinnere mich wieder, dass amerikanische Betten einfach unglaublich bequem sind. Der strahlende Sonnenschein, der durch die Jalousie hereinfällt, motiviert dann aber doch, das Bett zu verlassen.

Wir haben offensichtlich unglaubliches Glück mit dem Wetter: Eigentlich ist der pazifische Nordwesten für sein englisches Regenwetter bekannt, laut Wettervorhersage können wir aber noch für die nächsten drei Tage mit Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen um die 25°C rechnen.

Der Plan für heute: Nach Kanada, genauer nach Vancouver fahren, wo die nächste AirBnB-Unterkunft wartet. Für die gut 250 km rechnen wir mit gut drei Stunden Fahrtzeit, wegen der potentiellen Wartezeit am Grenzübergang könnte es aber auch deutlich länger werden. Wir wollen versuchen, irgendwann zwischen morgendlichem und abendlichem Berufsverkehr durchzuschlüpfen. Das bringt uns zum Problem des Morgens: Kein Frühstück, da wir keine Lebensmittel mit über die Grenze nehmen dürfen und den Einkauf deshalb bis Vancouver aufschieben.

Wir beschränken uns deshalb auf Kaffee und Tee, kommen aber mit der jungen Familie aus Taiwan ins Gespräch, die ebenfalls bei Bethany übernachtet haben. Nachdem die Mutter mehrere Monate in Seattle für Microsoft gearbeitet hat befinden sie sich mit ihren beiden kleinen Kindern auf einer Campingtour durch Washington und British Columbia. Außer Erkenntnissen über die nicht wirklich urlaubsfreundliche Arbeits- und Leistungskultur in Taiwan können wir noch ein paar gute Tipps für Vancouver mitnehmen.

Suburbia

Gegen 11 Uhr brechen wir mit Nico hinter dem Steuer auf. Die Arbeitsteilung vom letzten Jahr hat sich bewährt: In städtischer Umgebung kümmere ich mich um die Navigation und sitze dafür auf den längeren Überlandstrecken am Lenkrad.

Um nicht komplett mit leerem Magen in den Tag zu starten legen wir noch einen Stopp bei Jack in the Box in Burien ein und genehmigen uns ein sehr speck- und käselastiges, aber zufriedenstellendes frühes Mittagessen. Trotzdem steht der Vorsatz, es in diesem Urlaub gesünder angehen zu lassen und wo möglich selbst zu kochen. Als wir weiterfahren wollen werden wir noch Zeugen einer Verfolgungsjagd, bei der ein nicht ganz idealgewichtiger Wachmann eine ebenfalls nicht ganz fitte Mittzwanzigerin über den Parkplatz des Einkaufscenters verfolgt, bis sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Der fragende Gesichtsausdruck des Sicherheitsmanns ist Gold wert und wir haben Spaß 😀

Aufbruch nach Norden

Die Route bis zur kanadischen Grenze führt komplett über die I 405 und I 5 und ist dementsprechend ziemlich ereignisarm. Mir fällt nur auf, dass die Ausfahrten im Großraum Seattle sehr seltsam verteilt sind: Wir fahren über 10 Meilen parallel zur Interstate, ohne eine Möglichkeit zur Auffahrt zu finden, dafür gab es mindestens drei Stellen, an denen man hätte abfahren können.

Wir umfahren das Stadtzentrum von Seattle und den Lake Washington im Osten und kommen durch die Business-Viertel Bellevue und Redmont, wo Microsoft seinen Sitz hat. Auch auf dieser Ausweichstrecke ist der Verkehr sehr dicht und wir nutzen die fast leere Carpool-Spur, auf der wir entspannt am ansonsten stockenden Verkehr vorbei fahren können. Ich wundere mich jedes Mal, warum man in den USA fast immer alleine pendelt. Schon ab zwei Personen im Wagen wird man als Carpool gewertet, anscheinend hat man hier aber ein noch innigeres Verhältnis zum eigenen Auto als in Deutschland. Einziges Minus: Im Zentrum von Bellevue, wo der Verkehr dann wirklich zum erliegen kommt, wird aus der Carpool-Spur eine mautpflichtige Express-Spur, für deren Benutzung man zahlen muss. Die halbe Stunde, die man so einspart, ist offensichtlich aber den meisten Fahrern das Geld (Je nach Tageszeit und Verkehrsaufkommen zwischen 0,75 und 10,00 $) wert.

Nördlich von Seattle bis zur Grenze wird es deutlich leerer. Links von uns ist zwischendurch immer wieder der Puget Sound zu sehen, rechts von uns begleiten uns die Berge der Cascade Range mit dem schneebedeckten Vulkankegel des  Mount Baker.

Über die Grenze

Langsam aber sicher nähern wir uns der Grenze, die Hinweisschilder häufen sich, die Wartezeiten liegen aber gerade nur bei rund 15 Minuten. Nach den im letzten Jahr eher unangenehmen Einreiseprozeduren am Flughafen bin ich trotzdem etwas angespannt. Meine letzte Erfahrung mit Grenzkontrollen im Auto stammt immerhin aus den frühen 90er Jahren…

Der Grenzübergang Douglas/Peace Arch ist der am stärksten frequentierte Übergang zwischen Washington und British Columbia. Abgefertigt wird hier in sechs Spuren und es geht zügig vorwärts. Wir rollen am Peace Arch vorbei, der in einem kleinen internationalen Park die Grenzlinie markiert und an die mehr als zweihundertjährige friedliche Koexistenz von Kanada und den USA erinnert. Die kanadische Grenzbeamtin stellt uns dann nur vier Fragen (Herkunft? Datum der Ausreise?  Zweck des Besuchs? Kommt das Auto wieder mit zurück?) und schon sind wir in Kanada.

Das fiese hier: Straßenbeschilderung und Umgebung sehen genau wie in den USA aus, nur gilt hier wieder das metrische System. Die 80 auf dem Tempolimit-Schild steht also wieder für km/h statt für mph, woran ich Nico erst erinnern muss 🙂 Davon abgesehen kommen wir aber ohne Schwierigkeiten eine gute Stunde später am Ziel im Osten Vancouvers im Viertel Grandview an.

Vorort-Flair in Grandview

Der erste Eindruck vom Viertel ist top, die Straßen sind von alten Bäumen und viktorianischen Einfamilienhäusern gesäumt. Nur die Parkplatzsuche ist eine größere Sache, da parken in den meisten Blocks nur für Anwohner freigegeben ist.

Unser AirBnB-Gastgeber Doug erwartet uns schon und zeigt uns unsere Wohnung für die nächsten drei Nächte. Sie liegt im Keller eines wunderschönen blauen viktorianischen Hauses. Die Decken sind zwar niedrig, aber auch ich habe noch stolze zwei Zentimeter Luft über mir, wenn ich aufrecht stehe. Ansonsten haben wir eine komplette Küchenzeile, Essplatz, eine Couch, ein abgetrenntes Schlafzimmer und ein Bad mit Wanne. Und eine Sitzecke im traumhaften Garten hinter dem Haus 🙂

Der Weg durch den dichten Verkehr von Vancouver hat doch länger gedauert als gedacht und mittlerweile ist Abendessenszeit. Wir wollen uns also noch ein wenig in der Umgebung umschauen, Vorräte aufstocken und dann ein ordentliches Essen produzieren.

Commercial Drive

Nur einen Block von unserer Wohnung entfernt liegt der Commercial Drive, eine der beliebtesten Einkaufsstraßen im Osten von Vancouver. Über mehr als eine Meile findet man hier vor allem kleine Geschäfte, Restaurants, Cafés, Obst- und Gemüsehändler. Das Ganze mit sehr multikulturellem Flair, neben italienischen Angeboten findet man auch chinesische, äthiopische und indische Läden, auch die Sprachen, die man nebenbei aufschnappt, kommen aus allen Ecken.

Vancouver
Abendstimmung auf dem Commercial Drive

Doug hat uns mit jeder Menge Informationen zum Viertel ausgestattet. Wir müssen deshalb nicht lange suchen, bis wir einen guten Supermarkt mit vor allem lokalen Produkten finden. Wir decken uns mit Brot, Belag, Cornflakes, Getränken und Obst ein. Für heute Abend gibt es Rindersteaks, Ofenkartoffeln und Salat. Für den lokalen Einschlag beim Frühstück decken wir uns noch mit Zutaten für Pancakes und Ahornsirup ein. Das Preisniveau ist vergleichbar mit den USA, Fleisch und Obst sind aber deutlich günstiger als in Kalifornien.

Zu dieser Gelegenheit versorge ich mich auch am Geldautomaten mit kanadischen Dollars, insgesamt das einzige Mal während des ganzen Aufenthalts. Kreditkarten sind hier sogar noch stärker akzeptiert als in den USA. Immerhin sind die kanadischen Scheine verschiedenfarbig und besser zu unterscheiden als die US-Pendants. Am häufigsten kommen wir mit dem Loonie und dem Twoonie in Berührung, den 1- und 2-$-Münzen. Ein kanadischer Dollar entspricht übrigens ungefähr 0,66 EUR.

Vancouver
Heute gibt es Steak – und Ofenkartoffeln al dente

Was bleibt? Der Sonnenuntergang über Downtown Vancouver während des Heimwegs, ein hervorragendes Abendessen, auch wenn die Kartoffeln nicht wirklich weich werden wollten und die Vorfreude, dass es morgen dann wirklich losgehen kann mit dem Erkunden der Stadt.



Seattle, WA nach Vancouver, BC: 160 Meilen / 257 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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