Abstecher zum Waterton Lakes National Park

Von Michael

Nationalpark Nummer 4 auf unserer Tour sollte ja eigentlich der Glacier NP in Montana sein, wegen eines frühen Wintereinbruchs haben wir uns aber vor ein paar Tagen umentschieden und mit der Flint Rock Ranch in Pincher Creek ein mehr als angemessenes Ausweichziel ausfindig gemacht.

Für heute hatten wir uns eigentlich auf einen Regentag auf der Ranch bei Tee und Büchern eingestellt. Entgegen dem Wetterbericht sieht der Sonnenaufgang über den Rocky Mountains in der Ferne genauso spektakulär aus wie der gestrige Untergang und der Tag schreit geradezu nach einer Wanderung. Die Betten auf der Ranch waren die bequemsten seit Vancouver und wir sind ausgeschlafen und voller Tatendrang.

80 Kilometer südlich von uns, direkt an der Grenze zu den USA wartet der Waterton Lakes National Park auf uns, quasi der kleine Bruder des Glacier NP, der direkt südlich der Grenze anschließt. Waterton Lakes ist deutlich kleiner, unbekannter und entsprechend auch leerer, soll aber trotzdem einige der schönsten Wanderwege in ganz Nordamerika bieten. Klingt gut, wir fahren hin! 🙂

Alberta
Erste Hindernisse warten schon auf der Zufahrt unserer Farm 🙂
Zum Waterton Lakes National Park

Zwischen Pincher Creek und Waterton liegt eigentlich nicht mehr als wunderschöne, aber leere Prärie. Die Fahrt nach Süden ist also wieder Entspannung pur, abgesehen von mehreren Trucks, die man ewig nicht überholen kann. Die Kette der Rocky Mountains kommt dabei immer näher, bis wir irgendwann über die niedrigen Hügel den ersten Blick auf den Lower Waterton Lake erhaschen können, der auch den Eingang des Parks markiert.

Alberta
Ein Eisenbahn-Viadukt wie aus dem Wilden Westen

Im Zentrum des ziemlich kompakten, nur 525 km² großen Parks liegt Waterton Townsite, eine kleine Siedlung mit Unterkünften, Campingplatz und allem, was das Urlauberherz begehrt. Die Townsite liegt direkt am Middle und Upper Waterton Lake, die auch beliebte Wassersportreviere sind. Die drei Seen liegen im Schatten der benachbarten Gipfel und können vom Gesamtbild locker mit Banff und Jasper konkurrieren, obwohl wir heute eine dichte Wolkendecke und hartnäckigen Nebel haben, die die Gipfel der Berge verhüllen.

Nach dem guten Frühstück auf der Ranch bleibt im Ort wenig für uns zu sehen, wir laufen nur eine kurze Runde, finden eine Poststation, bringen unsere Postkarten für die Daheimgebliebenen auf den Weg (Post aus Kanada ist doch noch ein wenig exklusiver als eine Karte aus den USA) und beobachten ein Rudel Rotwild auf dem Rasen hinter der Schule.

Die Hauptattraktion von Waterton Lakes (natürlich abgesehen von der Natur) ist das in den 20er Jahren erbaute Prince of Wales Hotel, das auf einer Halbinsel die beiden Seen überblickt und mit seinen Giebeln und Türmchen fast schon zwangsläufig an das Zauberschloss Hogwarts denken lässt. Die Lage kostet natürlich, unter 300 $ je Nacht geht hier nichts. Also nicht unsere Preisklasse. Für sein Geld darf man dann aber auch noch einmal die Glanzzeit des britischen Empires wiederauferstehen sehen, inklusive Teatime und Butlern in Uniform.

Wanderung zum Alderson Lake

Das eigentlich Besondere am Waterton Lakes NP ist seine Kompaktheit, die es mit relativ wenig Anstrengung erlaubt, eine Vielfalt alpiner Landschaften und Vegetationszonen zu erleben. Eine der vielfältigsten Routen ist der Carthew-Alderson-Trail, eigentlich eine Tageswanderung über gut 20 km in eine Richtung und 650 m Höhenunterschied. Der Trail führt vom Cameron Lake im Westen des Parks durch Wald, Almwiesen und über die Vegetationszone hinaus mit Ausblicken bis in die USA hinein und führt dann vorbei an den Carthew Lakes zum Alderson Lake und endet an den Cameron Falls in Waterton Townsite.

Waterton Lakes
Die Cameron Falls liegen direkt hinter der Siedlung und sind der Einstieg zu unserer Wanderung

Begehbar ist er in beide Richtungen, die meisten Wanderer fahren aber frühmorgens per Shuttlebus zum Cameron Lake und wandern von dort zurück nach Waterton. Für den Bus sind wir zu spät dran, unser Plan ist aber, zum Cameron Lake den halben Weg bis zu den Carthew Lakes und wieder zurück in Angriff zu nehmen. Wir stoßen aber schnell auf das Problem, dass die Straße zum See verdächtig nach Baustelle aussieht. Die Nachfrage im Visitor Center bestätigt uns schnell, dass der Plan nichts wird und die Straße bis Sommer 2017 nur für den täglichen Shuttlebus befahrbar ist. Ärgerlich 🙁

Als nächstbeste Alternative bleibt, den Trail von Waterton aus in Angriff zu nehmen und zumindest bis zum Alderson Lake zu kommen. Das soll laut Rangerin etwa 4-5 Stunden dauern. Los gehts an den Cameron Falls, die zu den sehenswerteren Wasserfällen gehören, die wir bisher gesehen haben. Daneben windet sich der Trail anfangs ziemlich steil den bewaldeten Hang nach oben, schon nach wenigen Metern und einigen Serpentinen sind die Seen und die Siedlung außer Sicht. Ab hier geht es für die nächsten Stunden durch Wald und Wildnis.

Das führt uns zum Kern des Problems, das für mich persönlich diese Wanderung zum Reinfall dieser Reise macht. Wald. Man sieht außer Bäumen auf diesem Abschnitt des Trails nämlich absolut nichts, da der Weg bis zum Alderson Lake nicht die Baumgrenze überschreitet. Das hätte die Rangerin im Visitor Center meinetwegen gerne erwähnen können – andererseits kann man nicht ernsthaft von ihr verlangen, einen Teil der ihr anvertrauten Natur als „langweilig“ zu beschreiben. Dazu kommen als erschwerende Faktoren die schlechten Wegbedingungen wegen starken Regens in den Vortagen, die ziemlich frischen Temperaturen und die Tatsache, dass meine beiden Begleiter wesentlich motivierter sind als ich und mich ziemlich zurückfallen lassen. Das ist insofern schlecht, da Nico das Bärenspray bei sich hat.

Der weitere Verlauf der Wanderung ist kurz abgehandelt: In unsere Richtung ist niemand unterwegs, dafür kommen uns immer wieder Wanderer vom Cameron Lake aus entgegen, mit der wenig motivierenden Aussicht, dass es zum Alderson Lake immer noch mehr als zwei Stunden seien. Irgendwann sind wir dann da und der kleine, fast kreisrunde See direkt am Fuß einer steilen Felswand, an der auch im Hochsommer noch Schnee- und Eisreste hängen, entschädigt dann doch für einen guten Teil der Strapazen. Auf dem Rückweg kommen dann aber noch ein paar eiskalte Regenschauer dazu und als wir nach insgesamt 5 Stunden wieder das Auto erreichen ist meine Laune derart im Keller, dass ich die Heimfahrt gerne Nico überlasse.

Waterton Lakes
Ein Glück sieht man mir meine Stimmung überhaupt nicht an 😀

[Nachtrag:] Man müsste eben vorab auf den richtigen Seiten nach Informationen suchen:

Best Feature: Views to Alderson lake down the sheer north face
Worst Part: The slog down the Alderson lake trail back to the townsiteWaterton Scrambling

Um hier nicht mit einem falschen Eindruck abzuschließen: Der Nationalpark ist ein echtes Juwel, auch die Wandertour lohnt sich mit Sicherheit, wenn man sie in Gänze absolvieren kann. In unserem Fall kam zur Enttäuschung, dass der Plan wegen nicht angekündigter Straßensperrungen ins Wasser fiel dann auch noch schlechte Vorbereitung.

Waterton Lakes
Zugegeben: Der Alderson Lake, umrandet von blankem Fels, Schnee und Krüppelkiefern ist schon einen Teil der Mühen wert
Unsere kleine Ranch II

Zumindest die Heimfahrt meint es gut mit mir. Der Himmel hat sein schönstes Blau aufgefahren und mit den regelmäßigen Wolken wirkt die Prärielandschaft wie gemalt.

In Pincher Creek machen wir noch einen Kurzbesuch bei Tim Hortons mit wärmendem Kaffee und steuern dann unsere Ranch an. Für den restlichen Spätnachmittag und Abend ist außer relaxen nichts weiter geplant. In unserer Hütte findet sich ein netter Fundus an Büchern über die Geschichte von Pincher Creek und ich belese mich zum Experten über die Geschichte der Eisenbahn im südlichen Alberta.

Pincher Creek
Der perfekte Fleck nach einem anstrengenden Tag

Ein kompletter Tag mehr hier in der Idylle wäre ziemlich verlockend, aber leider ist heute unsere definitiv letzte Nacht in Kanada. Morgen steht eine lange Etappe an, die uns zurück in die USA und bis nach Helena, die Hauptstadt des Bundesstaates Montana führt.



Pincher Creek nach Waterton und zurück: 102,5 Meilen / 165 Kilometer
Wanderung zum Alderson Lake und zurück: 7,5 Meilen / 12 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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