Cowboy Country: Von Calgary nach Pincher Creek

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie Calgary

Wieder ein Tag, an dem wir eigentlich vor allem Strecke machen müssen. Zum Auflockern bleiben wir aber heute Vormittag noch in Calgary, bevor es dann Richtung Süden geht.

Days Inn heißt ja immer auch warmes Frühstück. Wie schon der allgemeine Zustand des Hotels fürchten lässt kommen wir heute aber nicht annähernd an das Niveau des letzten Days Inn in Golden heran. Der Frühstücksraum fungiert abends als italienisches Restaurant und hat weder Fenster noch Tageslicht. Plätze gibt es auch zu wenig und vom Rührei und den Waffeln reden wir lieber nicht. Ich bin selbst fasziniert, wie schnell wir mit dem Auschecken fertig sind 😐

Noch ein Blick ins Email-Postfach: Bette, unsere AirBnB-Gastgeberin für die nächsten beiden Tage, hat uns ein Upgrade geschenkt 🙂 Statt der Hütte auf ihrer Farm, die wir eigentlich gebucht hatten, hat sie uns in die nächstgrößere Hütte umquartiert, so dass wir ein zweites Schlafzimmer und ein Wohnzimmer für uns haben. Nur die Wegbeschreibung zur Farm sieht ein wenig komplex aus – zumindest weiß auch Google nicht mehr weiter. Wir verschieben das potentielle Problem aber erst mal auf später.

Heritage Park Historic Village

Heute Vormittag steht das Heritage Park Historic Village auf dem Programm, ein riesiges Freiluftmuseum im Süden der Stadt. Neben historischen Gebäuden, die aus Calgary und anderen Städten hierher versetzt wurden gibt es hier weitere Ausstellungen zur Geschichte der Canadian First Nations und der ersten europäischen Siedler in Kanada. Dazu kommt seit 2009 ein Museum mit historischen Fahrzeugen. Der Eintritt fällt mit 26,25 $ ziemlich moderat aus.

Das Historic Village liegt auf einem großen freien Gelände am Rand eines Stausees. Hinter dem Eingang überqueren wir einen kleinen Hügel und stehen an einem historischen Bahnhof. Die ganze Anlage kann man auch statt zu Fuß mit einem Zug erkunden. Hinter der Bahnstrecke wartet das erste historische Gebäude auf uns, die Little Synagogue on the Prairie. Diese kleine Synagoge aus Holz wurde 1913 in einer kleinen jüdischen Siedlung im Osten von Alberta errichtet und 2008 hierher versetzt. Das kleine Holzgebäude ist noch komplett original ausgestattet, neben Holzofen, Sitzbänken und dem fein gearbeiteten Lesepult sind sogar noch originale Bilder an den Wänden und Bücher in den Regalen. Das ganze Gebäude versprüht einen ganz speziellen Charme. Wie auch in den folgenden Gebäuden ist hier eine Mitarbeiterin des Parks in Kleidung im Stil der Entstehungszeit des Gebäudes vor Ort, die Fragen beantwortet und die Besucher informiert.

Ein Stück weiter warten mehrere Wohnhäuser wohlhabender Bürger aus Calgary, die in den 1960er Jahren der Umgestaltung von Downtown Calgary zum Geschäftszentrum im Weg waren und hierher gerettet werden konnten. Auch hier stimmt alles vom Bärenfell auf dem Wohnzimmerboden bis zur Puppe auf dem Kinderbett. Der Detailreichtum der Gebäude und ihrer Ausstattung ist absolut beeindruckend.

Calgary Heritage Park
Das Dorfzentrum mit Rathaus und Polizeistation

Kern des Parks ist eine Dorfstraße im Stil einer westkanadischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende. Hier gibt es neben mehreren kleinen Häusern eine Arztpraxis, Saloon, Hotel, eine Schule, Bäckerei und diverse Läden, die natürlich auch passende Produkte verkaufen, aber auch Unternehmen wie ein Sägewerk und eine Schmiede. Jeder Laden und jedes Gebäude werden mit großem Aufwand von Handwerkern und Angestellten bevölkert, die ihre jeweilige Kunst zur Schau stellen. Die Stimmung der Pionierzeit wird hier perfekt getroffen.

Neben dem Dorf liegen noch eine komplette Farm mit Scheune und kuchenbackender Bäuerin im Farmhaus, ein Pionierfort der Hudson Bay Company und ein Bahndepot. Hier stehen im Bahnschuppen auch jede Menge historische Züge, zum Beispiel der Salonwagen des Vorstands der Canadian Pacific Railway mit fürstlicher Ausstattung.

Wir erkunden das Gelände fast vier Stunden lang, bevor wir uns Richtung Ausgang bewegen. Dort wartet als letzter Höhepunkt noch die Ausstellung historischer Fahrzeuge, vor allem Nutzfahrzeuge, die man auf zwei Etagen bewundern kann. Mich beeindruckt besonders ein Auto aus den 30erJahren, das mit dem kompletten Hausrat einer Familie beladen ist. Es steht exemplarisch für die vielen Familien, die aus der damaligen Dust Bowl, der von schweren Staubstürmen heimgesuchten Prärie geflüchtet sind. Daneben sind Feuerwehrfahrzeuge, Lastwagen und landwirtschaftliche Fahrzeuge zu sehen.

Der Vormittag im Heritage Park Historic Village war auf jeden Fall gut investierte Zeit. Die Detailverliebtheit der Ausstellungen und Darsteller ist absolut beeindruckend und vermittelt zumindest eine Idee des Lebens in der Pionierzeit Westkanadas.

Weiter nach Pincher Creek

Hinter Calgary wartet dann die echte Prärie. Nur noch die Prärie. Vor uns und links von uns reicht die mit gelbem Gras bewachsene Ebene bis zum Horizont, rechts von uns kann man zumindest noch die Foothills der Rocky Mountains erahnen. Die Bergkette dahinter verschwindet heute im Dunst. Ich finde es absolut genial 🙂 Zum ersten Mal auf dieser Reise habe ich wieder das Gefühl der endlosen Weite, dass ich bisher nur aus dem Südwesten der USA kannte. Diese Endlosigkeit macht für mich erst den Reiz Nordamerikas aus und ich könnte tagelang einfach nur diese leeren Weiten anschauen.

Alberta
Ab nach Süden 🙂

Wir fahren auf dem Provincial Highway 2 gute 200 Kilometer Richtung Süden. Unser heutiges Ziel ist die Kleinstadt Pincher Creek mit 3600 Einwohnern mitten im Cowboy Country im Südteil von Alberta. Wir haben uns erst vor drei Tagen entschieden, hier zwei Nächte zu bleiben, weil das Wetter für den Glacier National Park zu kalt und stürmisch fürs Zelten aussah. Dafür haben wir bei AirBnB eine Hütte auf einer echten Rinderranch entdeckt, wo man zur Not auch zwei komplette Regentage problemlos und gemütlich aussitzen könnte.

Ein weiterer Aspekt der Prärie ist das Wetter. Normalerweise ziehen kleine Wölkchen in endlosen Reihen, die fast zu regelmäßig aussehen, über den blauen Himmel. Wenn das Wetter dann umschlägt ist das ein ganz eigenes Schauspiel: Auf unserem Weg nach Süden ist zu unserer Linken schönster Sonnenschein, während zu unserer Rechten stahlblaue Wolken aufziehen, aus denen sich immer wieder Schauer und Gewitter über den Hügeln entladen. Da wir tendenziell in diese Richtung müssen rechnen wir damit, heute noch nass zu werden.

Wir steuern in Pincher Creek gleich noch Walmart an und decken uns mit neuen Vorräten und Steaks fürs Abendessen ein, bevor ich mich der Aufgabe annehme, Nico zu unserer Ranch zu lotsen.

Unsere kleine Farm

Laut Bettes Wegbeschreibung liegt die Flint Rock Ranch etwa 20 Minuten nördlich von Pincher Creek. Der erste Teil des Weges führt uns noch über normale befestigte Straßen und an dem Stausee vorbei, den der Oldman River hier bildet. Von der Dammkrone aus sieht das grün bewachsene Flusstal, dass sich tief in die Prärie eingeschnitten hat, wie eine Oase in der Wüste aus. Wir sind hier in einer der windigsten Gegenden Albertas, entsprechend stehen hier jede Menge Windturbinen in der Landschaft. In der diesigen Luft, die auf ein Unwetter zu warten scheint und unter stahlgrauen Wolken wirkt die Landschaft fast surreal schön.

Pincher Creek
Fast schon surreale Stimmung am Stausee

Nach dem Stausee müssen wir von der Straße auf eine Range Road, eine Schotterpiste abbiegen. Mit unserem Mietwagen dürfen wir das zwar genau genommen nicht, aber wir haben ja auch nicht vor, eine Panne zu produzieren. Ab hier gibt es keine Schilder mehr, aber Bettes Beschreibung der einzelnen Abbiegungen ist perfekt und nach gut 10 Minuten erreichen wir das Eingangstor zur Flint Rock Ranch.

Bette, unsere Gastgeberin, bewirtschaftet die Farm zusammen mit ihrem Mann, wohnt aber unter der Woche in Calgary. Wir haben die komplette Farm also für uns alleine. Über AirBnB vermietet sie zwei komplett ausgestattete Holzhütten, außerdem zeitweise auch das Haupthaus der Farm. Zusätzlich können wir das komplette Gelände nutzen, zu dem auch ein voll ausgestattetes Kochhaus mit Profi-Gasherd und riesigem Tisch gehört. Außer der Vermietung an Gäste verkauft Bette auch Rindfleisch aus eigener Produktion über das Internet.

Vom Eingangstor fahren wir nochmal mehr als einen Kilometer bis zur eigentlichen Farm und werden gleich von einigen von Bettes Rindern begrüßt. Die Gebäude der Farm liegen in einer Mulde zwischen niedrigen Hügeln, nach Süden hin öffnet sich aber ein wunderschöner Blick auf die Kette der fernen Rocky Mountains. Wir nehmen gleich unsere Hütte in Besitz, die neben einem gemütlich ausgestatteten großen Wohnzimmer mit Gasofen, Schlafcouch und großem Bett eine kleine Küche, ein kleines Schlafzimmer mit Einzelbett und ein Badezimmer mit freistehender Badewanne bietet. Schon auf den ersten Blick wissen wir, dass die Entscheidung perfekt und wir hier richtig sind.

Pincher Creek
Ein echt unschlagbarer Ausblick auf die Rockies

Während ich das Kochhaus einweihe und unsere Steaks (was soll man auf einer Rinderfarm auch sonst essen?) auf den Garpunkt bringe, nutzen Christopher und Nico den riesigen Rasen für ein Fußballmatch. Zu den Steaks gibt es Griechischen Salat und Ingwerbier, das Bette uns netterweise im Kühlschrank deponiert hat.

Danach bleibt nur noch, den wunderschönen Sonnenuntergang über den Rocky Mountains von der Veranda zu bewundern, während um uns auf den Hügeln die Rinder grasen.



Calgary nach Pincher Creek: 147,3 Meilen / 237 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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