Zurück in die USA: Montana & Helena

Von Michael

Nach knapp zwei Wochen heißt es jetzt endgültig Abschied nehmen von Kanada. Von hier aus geht es in zwei großen Etappen Richtung Süden, morgen Abend wollen wir schon im Yellowstone National Park in Wyoming sein.

Der heutige Tag wird sich also fast komplett auf der Straße abspielen, bis nach Helena, der Hauptstadt des Bundesstaates Montana, haben wir knapp 500 km vor uns. Ich hoffe aber, dass abends zumindest noch Zeit für eine kurze Tour durch die Stadt bleibt.

Grenzübergang II

Dass die USA relativ pedantisch sind, was die Einreise in ihr Staatsgebiet angeht, ist kein Geheimnis. Neben der eigentlichen Einreiseprozedur mit Fragen zum Zweck der Reise gibt es noch eine Flut von Vorschriften, welche Gegenstände und Lebensmittel man besser nicht mit sich führt. Die Liste der US Border and Customs war… mäßig hilfreich.

Pincher Creek
Jetzt heißt es leider schon wieder Aufbruch und Packen…

Um nicht wegen eines nicht deklarierten Apfels festgehalten zu werden haben wir uns für die radikale Variante entschieden und brauchen unsere Vorräte in Pincher Creek bei einem üppigen Reste-Abendessen und heute beim Frühstück komplett auf. Auch unser in Jasper gekauftes und zum Glück unbenutztes Bärenspray lassen wir zurück, vielleicht können es ja spätere Gäste von Bettes Ranch für einen Wanderausflug gebrauchen. Wir konnten schlicht keine eindeutigen Informationen finden, ob die Einfuhr in die USA legal ist oder das Spray sogar als Waffe zählen könnte.

Auf dem Weg zum Grenzübergang in Piegan fahren wir heute als Abkürzung fast nur kleine Nebenstraßen durch wunderschöne, sonnengelbe Prärie. Das ist landschaftlich zwar ziemlich reizvoll, leider ist die Dichte von Trucks und landwirtschaftlichen Fahrzeugen heute ziemlich dicht und an überholen kaum zu denken. Die einzige Siedlung unterwegs ist Cardston kurz vor der Grenze. Nach 130 Kilometern und anderthalb Stunden sind wir aber da. Die Grenze entlang des 45.nördlichen Breitengrads wird nur markiert von einer Reihe Warnschildern, ansonsten gibt es in der Natur keinen Hinweis darauf. Auch die Grenzstation liegt ziemlich verloren im Schatten eines markanten Tafelbergs.

Die Nervosität vorab war wieder einmal unbegründet und die eigentliche Einreiseprozedur klappt ohne Stress oder Probleme: Vor uns warten nur zwei Wohnmobile, dann sind wir an der Reihe. Die junge Grenzbeamtin stellt nur die üblichen drei Fragen: Wie lang wir bleiben, Zweck der Reise und ob wir etwas für den Zoll anzumelden haben. Ganz gründlich gebe ich unsere in Vancouver gekaufte Kühlbox an, sie ist über so viel Gründlichkeit ziemlich amüsiert. Der Rest sind ein paar Klischees:

„Do you have any Alcohol with you? Not even some beer? You are Germans, that’s impossible!“

Dann haben wir unsere Stempel im Pass und es geht weiter nach Montana.

Übrigens: Wer nicht per Schiff oder Flugzeug in die USA einreist, sondern ausschließlich auf dem Landweg kann sogar komplett auf das Online-Vorab-Clearing über das ESTA-System verzichten.

Die Jäger des verlorenen Mittagessens

Die erste nötige Umstellung nach der Grenze ist, ab sofort wieder in Meilen zu denken und das Tempo entsprechend anzupassen. Das klappt diesmal aber ohne Probleme. Und das beste: In Montana gilt als Höchstgeschwindigkeit 80 mph, da macht das Fahren gleich mehr Spaß 🙂 In der ersten Siedlung nach der Grenze geraten wir aber direkt in eine Rinderherde, die von drei Cowboys auf Pferden die Straße entlang getrieben wird und uns für 10 Minuten ausbremst.

30 Meilen weiter können wir zumindest einen kurzen Blick auf die Berge und Seen des Glacier National Park werfen, die nach den Unwettern der letzten Tage aber immer noch im Nebel stecken. Nach ein paar Hügeln hat uns dann die Prärie wieder und wir entfernen uns endgültig von den Rocky Mountains. Die Straßen (Die meiste Zeit fahren wir auf der US 287) ab hier sind kerzengerade, leer und führen unter blauem Himmel über das leicht hügelige, gelbe Grasland. Mit aktiviertem Tempomaten gibt es für mich am Steuer kaum etwas zu tun.

Unsere Gründlichkeit bei der Einreise hat aber ihren Preis: Ausnahmsweise drückt der Magen nicht nur bei Christopher, sondern bei allen dreien macht sich Hunger breit. Jetzt muss man wissen, dass der Staat Montana flächenmäßig größer ist als Deutschland, aber in diesen Weiten nur die Einwohnerzahl des Saarlands beherbergt. Dass die Möglichkeiten, etwas essbares zu finden, also an einer Hand abzählbar sein würden, haben wir erwartet, aber es sind dann doch noch ein paar weniger.

Wir setzen die Hoffnung auf Browning, laut Karte die erste „Stadt“ auf unserer Route, das sich aber als staubiges, leeres Nest entpuppt, das nicht einmal einen McDonalds besitzt. Man fragt sich beim Durchfahren immer wieder, wie die Menschen hier ihren Lebensunterhalt bestreiten, da es offensichtlich weder Industrie noch nennenswerte Landwirtschaft gibt. Auch anderthalb Stunden später in Choteau geht es uns genauso, aber hier gibt es zumindest eine Tankstelle und der Ort wirkt bewohnt und freundlich. Dazwischen sollten laut Karte einige weitere Siedlungen liegen, die sich aber in der Realität als nicht mehr als eine Tankstelle oder einzelne Farm entpuppen.

Alberta Montana
Der Fahrer wird hier intellektuell nicht wirklich gefordert. Umso besser kann man sich auf die Landschaft konzentrieren

Inzwischen haben wir auch zwei Drittel der Strecke bis Helena hinter uns und uns damit abgefunden, dass es vorher kein Essen geben wird. Aber sogar Christopher lässt sich von der monotonen, irgendwie beruhigenden Landschaft in den Bann ziehen und zettelt auf der Rückbank keine Nahrungsmittelunruhen an. Wie schon mehrmals beschrieben: Ich könnte tagelang nichts anderes tun, als einfach nur durch die Weiten der Prärie zu fahren. Das ist Entspannung pur 🙂

Endlich am Ziel

Die letzten 50 Meilen vor dem Ziel kündigen sich an, als wir ziemlich unverhofft die Interstate 15 erreichen. Die Interstate durchquert hier noch in einer Schlucht eine letzte Bergkette, dann sehen wir das überraschend kleine Helena vor uns, das in einer weiten Talebene liegt.

Unser Motel, wieder ein Days Inn, liegt direkt an der Autobahnabfahrt am Ostrand der Stadt. Noch vor dem Einchecken gehen wir aber unser Hungerproblem an, zugegebenermaßen mit der denkbar schlechtesten, aber schnellsten und amerikanischsten Lösung: Fast Food. Hier an der Interstate sind alle wichtigen Vertreter versammelt, wir entscheiden uns heute für etwas neues und parken bei Wendy’s. Die Kette konnte in Europa bisher nicht Fuß fassen, ist aber in den USA und Kanada eine der Großen. Hier gibt es klassische „Old-Fashioned-Burger“ mit allem was dazu gehört. Der erste Eindruck ist gut, die Qualität deutlich besser als bei Mc Donalds. Trotzdem, der Baconator-Burger ist in seiner fettigen Pracht eine echte Gesundheitsgefahr. Gegessen habe ich ihn trotzdem 😀

Das Days Inn ist zwar nicht mehr ganz neu, aber sauber und gemütlich, die Dame am Empfang sehr herzlich und das Zimmer groß, wenn auch ein wenig dunkel. Wir richten uns nur kurz ein und brechen dann in die Stadt auf. Mangels Pause unterwegs sind wir nämlich perfekt durchgekommen und es ist erst kurz nach 16 Uhr.

Montana State Capitol

Helena hat zwar nicht einmal 30000 Einwohner, ist aber trotzdem eine vollwertige Staatshauptstadt, die erste überhaupt in die es mich verschlägt. Ich will deshalb unbedingt einen Blick auf das State Capitol Building werfen, den Sitz des Staatsparlaments und des Gouverneurs. Die Stadt ist sogar so kompakt, dass wir uns die Strecke ins Stadtzentrum zu Fuß zutrauen und das Auto stehen lassen. Die kupferfarbene Kuppel des Kapitols ist ein guter Wegweiser und schon von unserem Motel aus zu sehen.

Helena State Capitol
Das Montana State Capitol – wenn man die Größe des Staates bedenkt schon eine beeindruckende Leistung

Jeder US-Bundesstaat hat sich für seine obersten Behörden einen prachtvollen, repräsentativen Sitz gegönnt, fast immer mit einer Kuppel nach Vorbild des US-Kapitols in Washington. Montana ist hier keine Ausnahme. Das Kapitol steht inmitten von wenig sehenswerten Bürogebäuden der Staatsregierung und Parkplätzen auf einer großen Grünfläche und wirkt für einen so kleinen Staat schon sehr pompös. Man kann sich vorstellen, dass der damals noch sehr junge Bundesstaat einen Großteil seines Jahreshaushalts in dieses Gebäude stecken musste, um sein Prestige gegenüber den etablierten Staaten sichern.

Das Capitol Building ist täglich bis 18:00 Uhr frei zugänglich, bei Voranmeldung kann man auch an Führungen teilnehmen. Der Haupteingang ist aber verschlossen und wir suchen eine weile, bis wir unter der Haupttreppe einen Nebeneingang finden, der offen ist. Außer einem einsamen Wachmann sind wir aber komplett alleine, die Beamten sind alle schon im Feierabend und der Gouverneur im Wahlkampf unterwegs. Das Gebäude ist von außen schon wirklich beeindruckend, aber als wir in die große Kuppelhalle treten erschlägt uns fast die gesammelte Pracht der Architektur. Innen ist das Kapitol nicht nur mit Säulen, Statuen berühmter Bürger Montanas und einer Replik der Freiheitsglocke in Philadelphia ausgestattet, sondern auch noch in Rot- und Grüntönen leuchtend ausgemalt. Nicht das, was ich erwartet hätte, aber sehr repräsentativ. Und definitiv besser als der Sächsische Landtag 🙂

Im Hauptgeschoss liegen die Büros von Gouverneur, Vizegouverneur und Secretary of State, in die wir einen kurzen Blick werfen können. Ein Stockwerk höher liegen die Sitzungssäle der beiden Parlamentskammern, die momentan beide in der Sitzungspause sind. Beim Senat sind die Besuchergalerien im Saal geöffnet, beim Repräsentantenhaus können wir zumindest einen Blick aus der Lobby durch die Tür werfen. Auch der ehemalige Saal des Obersten Gerichtshofs ist zugänglich, wegen der Parlamentsferien und des Wahlkampfs wirkt das Gebäude wie ausgestorben.

Beim Büro des Secretary of State nehmen wir uns noch für den Fall der Fälle, dass wir einen noch nicht registrierten Swing Voter treffen sollten, ein Wählerregistrierungsformular mit und brechen zurück zum Motel auf. Gegenüber decken wir uns bei Albertsons endlich mit neuen Vorräten ein, dann geht es zurück aufs Zimmer, wo ich mich schon voller Vorfreude im Yellowstone National Park umschaue, der das morgige Ziel ist.



Pincher Creek nach Helena, MT: 299,5 Meilen / 482 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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