Yellowstone III – Grand Canyon of the Yellowstone, Bisons & Waldbrände

Von Michael
Dieser Post ist Teil der Serie 4 Tage im Yellowstone National Park
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Der zweite Morgen im Yellowstone, das zweite Mal kämpfen, um die einzige Dusche des Stockwerks zu ergattern, das zweite Mal eiskalte Zimtschnecken im Mammoth Grill: Wir schauen auch heute, dass wir schnell auf die Straße kommen, bevor die Kolonne der übrigen Besucher das Frühstück beendet und sich die Blechkolonne auf die Grand Loop Road wälzen. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau und auch wenn es noch ordentlich frisch ist sollen die Temperaturen heute wieder die 20°C problemlos knacken.

Yellowstone Washburn
Auch die Nachbarn begrüßen die Sonne 🙂

Heute wollen wir den Ostteil des Yellowstone anfahren, wo als Höhepunkt der Grand Canyon of the Yellowstone auf uns wartet. Von dort aus wollen wir weiter zum Yellowstone Lake und vielleicht findet sich auch noch Zeit für eine kurze Wanderung am Mount Washburn.

Über Tower und Mount Washburn zum Canyon Village

Von Mammoth Hot Springs aus geht es also zuerst nach Osten. Dieser nordöstliche Teil der Grand Loop Road ist der am wenigsten befahrene, da hier nur wenige und relativ unbekannte Attraktionen liegen. Dafür stehen aber die Chancen gut, ein paar Tiere sehen zu können. Schon nach ein paar Meilen haben wir Dickhornschafe und einzelne Bisons gesehen, ein Stück weiter parken mehrere Autos am Straßenrand, um einen Bären zu beobachten, der sich hier noch vor ein paar Minuten hat blicken lassen. Wir bekommen ihn leider nicht mehr zu Gesicht.

Wir kommen am Parkplatz des Tower Fall vorbei, heben uns den Stopp aber für den Rückweg auf, um unseren Vorsprung nicht zu verlieren. Ein Stück weiter wartet der Mount Washburn, der höchste Gipfel im Ostteil des Parks. Auf dem Gipfel steht ein Aussichtsturm, von dem aus nach Waldbränden Ausschau gehalten wird. Noch ein Ziel für später am Tag.

Wir erreichen Canyon Village, die zweite große Siedlung im Park. Hier gibt es wieder das volle Programm an Zivilisation, angefangen von Handyempfang über einen Souvenirladen, Restaurants und ein Visitor Center. Die wieder einmal beeindruckend gemachte Ausstellung beschäftigt sich diesmal mit dem Yellowstone-Supervulkan und der Entstehung des Grand Canyons of the Yellowstone. Nachgewiesen sind bisher drei große Eruptionen vor 2, 1,3 und 0,6 Millionen Jahren. Neben einem Landschaftsmodell des Parks steht ein metergroßer Steinwürfel, der die Menge des bei den Eruptionen ausgestoßenen Magmas repräsentiert. Daneben liegt ein winziger, handlicher Würfel, der für den Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen steht, den größten Vulkanausbruch der Neuzeit. Mir geht permanent der Film 2012 von Roland Emmerich durch den Kopf. Aber das Ausmaß der Zerstörungskraft dieser Zeitbombe, auf der wir gerade herumlaufen, übersteigt jede Vorstellungskraft. Ein mulmiges Gefühl bleibt trotzdem.

Yellowstone Canyon
Und wieder ein nagelneues Visitor Center
Grand Canyon of the Yellowstone, Uncle Tom’s Trail und Artist Point

Der Grand Canyon of the Yellowstone verschwindet zwar in Sachen Größe neben seinem großen Bruder in Arizona, aber er ist immerhin fast 40 Kilometer lang, zwischen 240 und 370 Meter tief und stellenweise mehr als einen Kilometer breit. Entstanden ist er durch Erosion, als sich der Yellowstone River durch das weiche Gestein grub. Hier wird auch der Grund für den Namen von Fluss und Park schnell klar: Das Gestein im Canyons leuchtet in allen möglichen Gelbtönen. Am westlichen Ende des Canyons findet man kurz nacheinander zwei große Wasserfälle: Zuerst die Upper Falls mit 33 Metern Höhe, dann die 94 Meter hohen Lower Falls.

Zuerst steuern wir den Südrand des Canyons an. Am Uncle Tom’s Point lassen wir das Auto stehen und folgen dem Uncle Tom’s Trail entlang des Randes der Schlucht. Der Weg folgt der Route, auf dem die ersten Besucher im 19. Jahrhundert von einem Einwohner aus Gardiner zum Canyon geführt wurden. Gegenüber der Lower Falls führt eine steile, in der Felswand verankerte Stahltreppe 150 Meter nach unten zu einer Plattform auf halber Höhe des Wasserfalls. Die in die Tiefe stürzenden Wassermassen sind hier zum Greifen nah und um uns herum tanzen Regenbogen. Der Weg nach oben ist aber eine echte Qual und Höhenangst sollte man nicht mitbringen.

Während am Aussichtspunkt noch reichlich Menschen um uns herum waren wird es schon ein paar Meter weiter schnell einsam. Die meisten Besucher nehmen den leichten Weg und das Auto, um zu den anderen Aussichtspunkten entlang des South Rim zu kommen, aber der Weg zu Fuß, der immer direkt am Canyonrand entlang führt, ist landschaftlich ein Traum und auch nicht anstrengender als ein Spaziergang.

Nach 1,5 Kilometern und jeder Menge grandioser Ausblicke erreichen wir den Artist Point. Von einer Felsnase im Canyon hat man hier einen Bilderbuchblick über den oberen Teil des Canyons mit den Lower Falls in der Mitte. Der Maler Thomas Moran bannte genau hier im Jahr 1871 die Szenerie auf Leinwand und das Bild, das heute im Smithsonian Museum zu sehen ist, trug zur Popularität von Yellowstone und schließlich zur Einrichtung des Nationalparks bei. Auch heute noch kann man hier nur schweigend stehen bleiben und das perfekte Bild von Canyon und Wasserfall auf sich wirken lassen.

Der Abstecher zum Grand Canyon ist eindeutig Pflichtprogramm bei jeder Tour zum Yellowstone. Im Vergleich zum westlichen Teil mit Geysiren und kochenden Quellen findet man hier eine komplett andere Seite des Nationalparks, die aber mindestens genauso überwältigend ist. Auch mit dem „echten“ Grand Canyon, den ich letztes Jahr in seiner Größe mit den Sinnen kaum fassen konnte, kann der Grand Canyon of the Yellowstone uneingeschränkt mithalten.

Brink of the Lower Falls

Am Nordrand des Canyons führt der North Rim Drive als Einbahnstraße von Süden nach Norden zurück nach Canyon Village. Hier gibt es wieder eine ganze Reihe von Aussichtspunkten, wir wollen aber vor allem zum Brink of the Lower Falls, einer Aussichtsplattform direkt an der Kante, wo die Lower Falls in die Tiefe stürzen.

Vom Parkplatz an der Straße geht es über einen steilen Pfad und viele Kehren nach unten zum Wasserfall. Der Weg ist nicht ganz ohne und überwindet auf nur gut 600 Metern einen Höhenunterschied von knapp 100 Metern. Es lohnt sich aber aus zwei Gründen: Der Weg nach unten geht fast von selbst und der Ausblick von der Plattform nach unten in den Canyon ist unbeschreiblich. Der ruhig zwischen bewaldeten Hängen dahinfließende Yellowstone River stürzt neben uns 95 Meter über die Felskante in die Tiefe, eine Naturgewalt die den riesigen Canyon vor uns in die Landschaft gegraben hat. Und das alles nur, weil das Gestein unterhalb der heutigen Wasserfälle weicher ist als das oberhalb. Kleine Ursache, große Wirkung, aber vor allem dieser krasse Bruch in der Landschaft beeindruckt mich total.

Die Strafe für den Ausblick folgt auf dem Fuß: Der Weg zurück nach oben ist die Hölle 🙂

Wir fahren weiter bis nach Canyon Village und kümmern uns langsam um das leibliche Wohl. Es wird auch höchste Zeit. Meine Erwartungen sind niedrig, ganz einfach weil das Essen in US-Nationalparks bsher mit wenigen Ausnahmen miserabel war. Die aus den 60er Jahren stammende Canyon Lodge Cafeteria überrascht aber positiv und bietet statt lätschiger Pommes und fettiger Burger eher so etwas wie gute Hausmannskost aus der Betriebskantine: Shepherd’s Pie, Forelle oder Hähnchengerichte mit Reis stehen auf der Karte, dazu gibt es eine Auswahl an frischen Wraps, Salaten und Desserts. Keine Pizza und keine Burger weit und breit, auch mal schön. Sogar preislich bewegt sich alles im Rahmen und es schmeckt.

Bisons gucken im Hayden Valley

Von Canyon Village aus geht es zurück auf die Grand Loop Road und weiter nach Süden. Nur ein kleines Stück hinter der Abzweigung zum Grand Canyon erreichen wir das Hayden Valley, ein breites, flaches Tal, durch dessen baumlose Wiesen sich der Yellowstone River schlängelt. Diese Ecke von Yellowstone ist besonders beliebt bei allen Besuchern, die die Tierwelt des Parks live erleben wollen.

Wir haben richtig Glück: Schon von der ersten Haltebucht aus können wir Bisons entdecken und zwar nicht nur einzelne Tiere, sondern eine komplette Herde aus mindestens 50 Tieren, darunter auch mehrere Jungtiere. Die Bisons liegen gemütlich am Flussufer und genießen die letzten warmen Tage vor dem Wintereinbruch, der hier schon im späten September zu erwarten ist. Diese majestätischen Tiere aus sicherer Entfernung in freier Wildbahn beobachten zu können hat etwas unglaublich beruhigendes an sich. Leider kennen auch hier manche Besucher ihre Grenzen nicht und rücken den Tieren viel zu nah auf die Pelle 🙁 Unglaublicher Leichtsinn, besonders wenn Jungtiere in der Nähe sind, aber die Bisons ziehen sich lieber zurück, als die Störer anzugreifen.

Auch auf dem weiteren Weg durch das Hayden Valley sehen wir mehrere Bisonherden durch die Ebene ziehen. Wer Glück hat kann hier auch Hirsche, Wapitis und manchmal auch Grizzlybären vor die Linse bekommen, dieses Glück bleibt uns heute aber leider verwehrt.

Mud Volcano & Dragon’s Mouth Spring

Ganz ohne Dampf und kochende Teiche geht es dann doch nicht: Hier im östlichen Teil von Yellowstone gibt es aber nur wenige geothermale Aktivitäten, die einzige größere Ansammlung liegt an der Loop Road kurz hinter dem Hayden Valley. Direkt am Parkplatz liegt die Dragon’s Mouth Spring, die aus einer höhlenartigen Öffnung fauchend Dampfwolken ausstößt. Weiter den Weg entlang folgen der Mud Volcano, ein brodelndes Schlammloch und mehrere Fumarolen, also Dampffontänen.

Wir laufen den kurzen Rundweg über den Hügeln ab, kommen noch an einem sauren See und dem größten der brodelnden Schlammtöpfe vorbei. Da sich hier weniger Wasser im Untergrund ansammelt, gibt es um den Mud Volcano hauptsächlich Schlammtöpfe und Fumarolen, aber kaum heiße Quellen und keine Geysire. Dafür entweicht hier reichlich Schwefelwasserstoff und die ganze Gegend riecht leider ziemlich penetrant nach faulen Eiern. Zum ersten Mal im Yellowstone sehen wir auch Warnschilder, da sich hier regelmäßig Bären herumtreiben.

Yellowstone Lake

Noch einmal 10 Kilometer weiter erreichen wir dann Fishing Bridge, wo der Yellowstone River den Yellowstone Lake verlässt. Hier gibt es wieder ein kleines Visitor Center, diesmal in einem malerischen alten Blockhaus direkt oberhalb des Seeufers. Drinnen wartet eine Ausstellung zur Tierwelt um den See herum und ein Ranger des National Park Service, der gerade einen Vortrag zum Leben der Hirsche im Park beginnen will. Perfektes Timing 🙂

Yellowstone Lake
Visitor Center in Fishing Bridge am Yellowstone Lake

Schon seit letztem Jahr am Grand Canyon bin ich ein großer Fan der Ranger Information Programs, die tiefgründige Information zur Geschichte, Geologie, Tier- und Pflanzenwelt der jeweiligen Nationalparks fast immer auch sehr unterhaltsam an den  Mann und die Frau bringen. So auch hier, der Mann könnte sein Geld locker als Comedian verdienen. Nach einer halben Stunde wissen wir alles, was es zum Leben der Hirsche und ihren jährlichen Wanderungen zwischen dem Yellowstone und ihrem Winterquartier im National Elk Refuge weiter südlich im Grand Teton National Park zu wissen gibt. Im Übrigen, auch wir waren Anfangs kurz verwirrt: Elk = Hirsch, Moose = Elch 😉

Yellowstone Lake
Eiskalt und riesig: Der Yellowstone Lake

Der Yellowstone Lake ist der größte See im Park und nimmt das südöstliche Viertel der Caldera des Yellowstone-Vulkans ein. Wirklich viel zu sehen und zu tun gibt es hier zwar nur, wenn man das Geld für ein eigenes oder zumindest ein gechartertes Boot mitbringt und zum Angeln aufs Wasser fahren kann. An Schwimmen ist leider nicht zu denken, weil das Wasser auch im Sommer eiskalt bleibt. Von Dezember bis in den Mai hinein friert der See regelmäßig komplett zu. Aber auch vom Ufer aus bietet sich am Yellowstone Lake nochmal ein komplett neuer landschaftlicher Eindruck. Die Ufer sind in alle Richtungen dicht bewaldet, auf der anderen Seeseite erhebt sich der Rand der Caldera mit kahlen Bergen und im See liegen viele kleine, bewaldete Inseln. Sehr malerisch und entschleunigend mal wieder, besonders im schwindenden Licht des Nachmittags 🙂

Der brandgefährliche Rückweg

Zurück am Auto überlegen wir kurz, die große Runde auf der Loop Road voll zu machen und über Old Faithful zurück nach Mammoth Hot Springs zu fahren, entscheiden uns dann aber, die kürzere Strecke, auf der wir auch gekommen sind, wieder zurückzufahren. Es geht also wieder nach Norden, wieder durch das Hayden Valley und Richtung Canyon Village. Im Westen stehen ein paar verdächtige Wolken über den Hügeln, aber noch denken wir uns nichts dabei.

Yellowstone Washburn
Nein, das ist keine Wolke…

Am Dunraven Pass unterhalb des Mount Washburn fällt aber dann doch auf, dass irgendetwas anders ist als am Vormittag: Die Aussicht ist weg. Statt meilenweit in alle Richtungen zu blicken stecken wir unter einer dichten Rauchglocke. Vom Visitor Center in Mammoth weiß ich, dass irgendwo nördlich von uns ein großer, unkontrollierter Waldbrand wütet und offensichtlich hat sich der Wind gedreht, so dass dieser jetzt den Nordosten des Parks verräuchert. Der Brand war laut Karte ein ganzes Stück nördlich unserer Route und auch weit genug von Mammoth Hot Springs entfernt, aber trotz allem Vertrauen in die Brandbekämpfungsfähigkeiten der Ranger des NPS ist es schon ein wenig beunruhigend, mitten auf ein riesiges Feuer zuzufahren. Besonders, wenn man seine Auswirkungen jetzt so deutlich vor Augen geführt bekommt. Eigentlich wollten wir noch zum Gipfel des Mount Washburn, den man entweder über einen Wanderweg vom Dunraven Pass aus oder über eine Schotterstraße per Auto erreicht. Da aber wahrscheinlich auch der Gipfel im Rauch steckt sparen wir uns diesen Umweg und fahren weiter.

Wir legen noch einen Stopp am Tower Fall ein, der aber heute trotz malerischer Lage nicht wirklich glänzen kann. Die Luft erreicht hier eine Qualität, die man von Grillabenden zu nahe am Lagerfeuer kennt. Zwischen Tower und Mammoth beschließen auch die Bisons, lieber ein paar extra Meilen zwischen sich und das Feuer zu bringen und überqueren als große Herde vor uns die Straße. Die Landschaft um uns herum verschwindet zunehmend hinter einem Rauchschleier, aber nach gefühlten Ewigkeiten erreichen wir endlich Mammoth Hot Springs.

Feierabend im Katastrophengebiet

Leider liegt auch das Hotel unter der Rauchglocke, hier ist es sogar eher schlimmer als unterwegs, da auch westlich von Mammoth ein zweites großes Feuer brennt, das uns zusätzlich einräuchert. Laut Wettervorhersage am Visitor Center dürfte das auch noch mehrere Tage so bleiben. Zumindest steht keine unmittelbare Evakuierung an und das Feuer hält ausreichend Distanz zur Siedlung.

Yellowstone Washburn
Schon leicht beunruhigend, zwischen drei Waldbränden zu übernachten…

Inzwischen nervt der Rauch zusehends und in der Lobby werden eifrig Tipps und Hausmittel gegen Atemprobleme und Kopfschmerzen getauscht. Ich habe großen Respekt für die Angestellten in Mammoth, die unter diesen Umständen mehrere Wochen im Jahr hier zubringen. Dummerweise haben wir das Zimmerfenster heute früh aufgelassen, deshalb ist auch hier alles verraucht… aber was solls, spätestens morgen fahren wir weiter nach Süden und lassen Rauch und Waldbrände hinter uns.

Ich genehmige mir noch einen Absacker im Map Room, wo es heute wieder einen wunderschön altbackenen Diavortrag mit Live-Pianomusik gibt, bevor wir mangels Alternativen früh in die Betten fallen.



Mammoth Hot Springs zum Yellowstone Lake und zurück: 113 Meilen / 182 Kilometer
Uncle Tom’s Trail zum Artist Point und zurück: 1,8 Meilen / 3 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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