Das Finale am Grand Canyon

Von Michael

Ich wache schon gegen 5 Uhr auf meinem improvisierten Campinglager im Motelzimmer auf. Der durchdringende, aber noch unbestimmte Geruch im Zimmer lässt mich beim besten Willen nicht wieder einschlafen. Der Blick auf mein Handy zeigt mir, dass der einzige Aspekt unserer Unterkunft, der nicht zu beanstanden ist, der WiFi-Zugang ist. Ich folge einer spontanen Eingebung und suche nach Online-Bewertungen unserer Notunterkunft. Offensichtlich war ein beträchtlicher Teil der hier untergekommenen Gäste in einer vergleichbaren Lage wie wir. Ich überbrücke die Zeit bis die anderen beiden aufwachen mit den Hotelbewertungen, die echten Unterhaltungswert haben. Nur zwei Highlights:

An experience
The smell of cat urine was overwhelming

Immerhin ist damit auch das Geheimnis des vorherrschenden Geruchs gelüftet…

Auf zum Grand Canyon

An Frühstück ist hier nicht zu denken. Wir wollen schnell einige Meilen zwischen uns und diesen Ort bringen und sind schon um halb sieben auf der Straße. Immerhin sparen wir durch unsere gestrige Odyssee heute etwa 50 Meilen bis zum Grand Canyon. Die Strecke führt im ersten Drittel durch die bekannte Felswüste, dann kommen wir aber in dichten Nadelwald, der uns bis zum Ziel begleitet.

Grand Canyon North Rim
Auf zum North Rim! Die Stichstraße zum Canyon ist witterungsbedingt von Oktober bis Mai gesperrt

Der Grand Canyon ist zwar insgesamt etwa 450 Kilometer lang, zugänglich ist aber nur ein sehr kleiner Teil. Dementsprechend voll kann es werden. Als Besucher muss man sich für eine Seite entscheiden: Der South Rim ist einfacher zu erreichen und hat deutlich mehr Unterkünfte und Infrastruktur zu bieten, aber deshalb sind die gut 20 Meilen am Rand des Canyons auch extrem überlaufen. Der North Rim ist deutlich abgelegener, neben einer Lodge, einem Campground, Visitor Center und Laden gibt es hier nichts. Gleichzeitig ist bedeutend weniger los und man hat die Chance, die einmalige Natur des Canyons noch in ursprünglichem Zustand zu erleben. Wir hatten aber dennoch schon im Februar Schwierigkeiten, noch eine Blockhütte der North Rim Lodge zu reservieren. Die reine Fahrstrecke vom North zum South Rim beträgt übrigens über 200 Meilen.

Nach eineinhalb Stunden kommen wir am Eingang zum Park an, wo uns die Rangerin mit ihrer guten Laune ansteckt: Sie hat offensichtlich einen herrlichen Tag und tanzt fast über die Straße 🙂 An der North Rim Lodge angekommen sitzen wir aber vorerst im dichten Nebel. Vorerst nicht weiter schlimm, es ist noch früh am Morgen, wir holen im Auto unser Frühstück nach und drehen eine Runde durch das wirklich kleine Visitor Center. Auch die in den 20er Jahren gebaute Lodge ist sehenswert. Das Restaurant spielt zwar nicht in unserer Preisklasse, der Blick aus dem Panoramaraum und von den Terrassen auf den direkt angrenzenden Canyon ist atemberaubend. Jetzt allerdings noch nicht: Wir stehen bildlich am Rand des Grand Canyon, sehen aber nur eine graue Nebelwand.

Relaxen am North Rim

Gegen 10 Uhr klart es dann aber langsam auf, der Nebel hebt sich langsam und der Canyon in seiner mit dem Auge nicht zu fassenden Größe taucht auf. Der über 1000 Meter tiefer fließende Colorado River ist zwar nur rund 100 Meter breit, die Ränder des Canyons liegen aber trotzdem bis zu 20 Kilometer auseinander. Da der North Rim rund 300 Meter höher liegt als der Südrand des Canyons kann man noch weit in die komplett flache Ebene des Colorado Plateaus hinaus sehen, die sich auf der anderen Seite des Canyons fortsetzt.

Grand Canyon North Rim
Wir sind eigentlich nur an einem der Seitenarme des Canyons, der Colorado River fließt erst weiter hinten

Wir laufen zuerst zum Bright Angel Point und dann auf dem Transept Trail entlang des Randes bis zum Campground, wo wir uns im General Store einen Kaffee genehmigen. Mittlerweile haben sich die meisten Wolken verzogen, die Sonne scheint und es wird hier auf 2100 Metern über dem Meeresspiegel langsam auch wärmer.

Zurück an der Lodge haben wir Glück und sichern uns drei Liegestühle direkt am Canyonrand und lassen die Seele baumeln. Ein wenig später beginnt ein Ranger nebenan einen unterhaltsamen und informativen Vortrag zur Entstehung und Geologie des Grand Canyons. Kernaussage: „DUDE!“ Das steht für Deposits, Uplifting, Downcarving und Erosion, auf dem Gebiet des heutigen Colorado Plateau setzten sich also zunächst Sedimente am Meeresgrund ab, bevor das komplette Gebiet angehoben wurde. Der Colorado River schnitt sich tief in das neue Plateau ein, während die Ränder des Canyons durch Erosion mit der Zeit immer weiter auseinanderrückten. Jake, der Ranger war im früheren Beruf Lehrer, mit Sicherheit kein schlechter.

Grand Canyon North Rim
Entspannen auf der Terrasse der Canyon Lodge
Point Imperial & Sonnenuntergang am Bright Angel Point

Um 15 Uhr können wir dann auch unsere Blockhütte beziehen, die trotz 80 Jahren auf dem Buckel urgemütlich und komfortabel ist. Wir entscheiden uns, noch einen Abstecher mit dem Auto zum Point Imperial zu machen, um noch eine neue Perspektive des Canyons zu erleben.

Dorthin fahren wir kurvige 11 Meilen. Der Blick vom Aussichtspunkt reicht an einer der breitesten Stellen des Canyons weit nach Osten. Die Sonne sinkt schon langsam und wir beeilen uns, zurück zu fahren, um am Bright Angel Point den Sonnenuntergang beobachten zu können. Die Sandsteinschichten des Canyons leuchten dabei in Rot- und Goldtönen auf, bevor die Sonne im Westen verschwindet.

Point Imperial
Canyon-Selfie 🙂
Das beeindruckendste an der Szenerie ist der Kontrast aus zerklüftetem Canyon und dem topfebenen Colorado Plateau
Der Grand Canyon zieht sich noch über mehrere hundert Meilen weiter durch das Plateau. In diese Richtung sollte Page liegen
Sonnenuntergang hinter dem Canyon Rim
Point Imperial
Zum Sonnenuntergang sind wir zurück am Bright Angel Point
Vom Point Imperial überblickt man den Canyon und das Colorado Plateau dahinter
Point Imperial

Während sich Nico und Christopher um ein Abendessen kümmern besuche ich einen Vortrag zum Wetter am Grand Canyon im Vortragsraum der Lodge. Auch dieser Vortrag lohnt sich, ich erfahre eine Menge über Unwetter, häufige Gewitter, die Gefahr von Blitzschlägen am Canyonrand, vor allem aber über den pazifischen Monsun, dessen Auswirkungen sich gelegentlich bis hierher bemerkbar machen und auf dessen Rechnung gestern auch unser Zelt ging. Danach bleibt nur noch, den klaren Sternenhimmel zu bewundern und zu den Lichtern des fernen Südrands zu schauen, bevor wir den Abend in der Hütte ausklingen lassen.

Nicht selten hört man von Besuchern des Grand Canyons ein eher gemischtes Urteil, manche sind vom tatsächlichen Anblick sogar enttäuscht. Zumindest teilweise könnte das an den Massen von Menschen am South Rim liegen. Wir hatten durch unsere Erfahrungen im Zion und Bryce Canyon schon echte Highlights hinter uns, aber der Grand Canyon hat uns trotzdem noch einmal beeindruckt. Seine Dimensionen sind zwar mit den Sinnen nicht wirklich zu erfassen, das Spiel des Lichts auf der zerklüfteten Landschaft hat aber ganz eigene Qualitäten. Einmal im Leben sollte man auf jeden Fall da gewesen sein. Für uns war die Entscheidung für den North Rim genau richtig und der Abstecher der perfekte Abschluss unserer Reise, bevor es morgen zurück nach Las Vegas geht.

Grand Canyon North Rim
Sonnenuntergang am Bright Angel Point


Fredonia zum Grand Canyon NP North Rim: 73 Meilen / 118 Kilometer
Fahrt zum Point Imperial und zurück: 22 Meilen / 36 Kilometer

Tankfüllung: 18,03 $
Kaffee: 2,80 $
Snacks: 10,00 $
Grand Canyon Lodge Western Cabin: 157,00 $

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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