Ein Tag in Ullapool und Busfahrt nach Gairloch

Von Michael

Das erste morgendliche Geräusch heute sind Regentropfen auf dem Dach. Es sieht also ganz so aus, als würden wir Ullapool nicht mehr ohne die tiefhängende Wolken- und Nebeldecke über dem Loch Broom zu sehen bekommen. Leider nicht zu ändern, aber nach einer guten Woche strahlend blauem Himmel können wir uns auf dieser Reise auch absolut nicht über das Wetter beschweren.

Der heutige Tag ist leider ein Opfer der dünnen Busfahrpläne in der Region: Unser heutiges Ziel Gairloch liegt derart abgelegen an der Küste südwestlich von Ullapool, dass es von hier aus nur drei Mal je Woche per Bus angesteuert wird. Abfahrt ist erst um 18:15 Uhr, bis dahin genießen wir noch die Vorzüge des kleinen Städtchens, allerdings vom vagen Verdacht beschlichen, dass wir gestern schon den Großteil von dem gesehen haben, was es hier zu sehen gibt.

Bevor wir uns dem Problem stellen, einen verregneten und kalten Tag mit Programm zu füllen, steht zum Glück noch ein üppiges Full Scottish Breakfast auf dem Programm. Aus der Küche hören wir unsere Gastgeberin Elaine jedenfalls schon eifrig kochen und vorbereiten. Gestern hatten wir sie wegen ihrer ungeplanten Extraschicht auf Arbeit nicht mehr persönlich getroffen und verschieben Begrüßung und Willkommen deshalb auf jetzt. Während sie ungeheuerliche Mengen an Essen aufträgt erzählt sie uns leider auch, dass wir zu den letzten Gästen im Oakworth B&B gehören werden, weil sie sich gemeinsam mit ihrem Mann den Ruhestand in ihrer ursprünglichen Heimat Südengland genießen will. Sehr schade, wir haben uns selten so umsorgt und willkommen gefühlt wie hier.

Ullapool
Frühstück 🙂

Zum Frühstück: Neben Räucherlachs, Haggis, Würstchen, gegrilltem Gemüse und Eiern in fünf Varianten, aus denen wir gestern Abend auswählen konnten, gibt es auch noch ein riesiges Buffet mit Toast, Marmeladen und einer riesigen Schüssel Obstsalat. Natürlich nur für uns drei Personen, da außer uns keine Gäste im Haus sind. Alles schmeckt grandios, sogar die Orangenmarmelade, die in Großbritannien immer selbstgemacht und der Stolz eines jeden Haushalts ist. Bisher konnte ich mich damit aber nicht wirklich anfreunden. Beim Frühstücken und Plaudern mit Elaine vergehen fast zwei Stunden, das Wetter bessert sich aber leider nicht.

Zeit tot schlagen… viel Zeit

Nach dem Abschied entscheiden wir uns, trotz Regen zumindest einen kleinen Abstecher in die Hügel hinter Ullapool zu wagen. Elaine hat uns einen Wanderweg empfohlen, dem wir zwischen Ginsterbüschen bergauf bis zu einem Felsvorsprung mit Ausblick über Loch Broom und die Stadt folgen. Wir sind zwar regentauglich ausgestattet, wollen aber von hier aus nicht weiter nach oben steigen, weil wir der niedrigen Nebeldecke schon gefährlich nahe sind und nicht als leichtsinnige Touris in Erinnerung bleiben wollen, die ohne Not eine Bergrettung provozieren. Solche Meldungen waren zum Beispiel auf Skye der Hauptstoff, mit denen die Redakteure der Lokalzeitung ihre Seiten füllen konnten. Die Gefahr, auch auf einfachen Wanderstrecken wegen der unberechenbaren Wetterlagen in Not zu geraten, sollte man in den Highlands generell nicht unterschätzen.

Ullapool
Ullapool und Loch Broom in Gesamtansicht

Wieder unten in der Stadt ist leider gerade erst die Mittagessenszeit erreicht. Wir können unsere Rucksäcke hinter dem Tresen am Fährterminal deponieren und gehen die restlichen sechs Stunden etwas leichter bepackt an. Leider finden wir wirklich nichts mehr zu tun: Die Hafenstraße kennen wir schon von gestern, auf Schwimmen im Hallenbad hat niemand von uns Lust und das Stadtmuseum ist wegen Umbau geschlossen. Also: Shoppen. Nico nutzt die Chance, sich mit Souvenirs einzudecken, Christopher gönnt sich eine Portion Fish & Chips und ich finde beim Auffüllen unserer Vorräte bei Tesco den neuen Roman von Dan Brown, den ich bis zur Abfahrt im Fährterminal zur Hälfte durchlese.

Mit dem Bus nach Gairloch

Zu allem Überfluss verspätet sich unser Bus um 30 Minuten. Da wir einmal umsteigen müssen wird es für den Anschluss sehr knapp. Eine Mitreisende, die ebenfalls nach Gairloch möchte, beruhigt uns zwar, meine Sorge, im Wald abseits der Zivilisation ohne Handyempfang und Fahrgelegenheit zu stehen, zerstreut sich aber noch nicht komplett. Der Umsteigepunkt, der auf der Karte noch wie ein Dorf aussah, entpuppt sich tatsächlich als ein Parkplatz mitten im Nirgendwo. Zum Glück steht aber auch unser Anschlussbus bereit und wartet auf uns. Die restlichen knapp zwei Stunden der Fahrt kann ich also entspannen und lasse die vorbeiziehende Landschaft mit tiefen Fjorden, vorgelagerten Inseln und dünn gestreuten kleinen Dörfern auf mich wirken.

Offen ist noch die Frage, warum es uns trotz der nicht wirklich gut in den Reiseablauf passenden Busverbindungen bei der Planung gerade nach Gairloch verschlagen hat. Eigentlich war es wirklich Zufall und es hätte jedes andere Dorf an der Westküste treffen können. Für Gairloch sprach vor allem, dass wir direkt ein Hostel finden konnten und wir in der Nachbarschaft über tolle Fotos von Loch Maree, einem wunderschönen Bergsee und Inerewe Garden, einer Parkanlage mit seltenen, subtropischen Pflanzen gestolpert sind. Schon vorab: Obwohl wir uns im Vorfeld über kein Ziel so wenig informiert haben, hätten wir es deutlich schlechter treffen können.

Kurz bevor wir gegen 20:30 Uhr in Gairloch ankommen, bietet uns noch unsere Sitznachbarin an, unser Gepäck per Auto zum Hostel zu befördern, das knapp vier Meilen außerhalb des Dorfs direkt an der Küste liegt. Für uns hat sie leider keinen Platz, wir nehmen aber überschwänglich dankend an. Ohne die je 23 Kilo auf dem Rücken ist der Weg dann auch schnell hinter uns gebracht, wir kommen sogar fast gleichzeitig mit unserer Wohltäterin, die zwischendurch noch einige Erledigungen machen wollte, am Hostel an.

Das Gairloch Sands Hostel ist in einem alten Jagdhaus direkt oberhalb der Steilküste untergebracht und gehört zur Scottish Youth Hostel Association. Verglichen mit den bisherigen unabhängigen Hostels auf unserer Reise geht es hier geordneter, aber auch spartanischer zu. An W-LAN oder auch nur Steckdosen im Zimmer ist zum Beispiel nicht zu denken. Dafür ist der Preis konkurrenzlos günstig, den nötigen Jugendherbergspass kann man auch direkt vor Ort kaufen. Außerdem lebt dieses wie viele andere SYHA-Hostels vom Flair des Gebäudes an sich: Der Aufenthaltsraum zum Beispiel strahlt mit Ledersesseln, Jagdtrophäen und einem Panoramafenster mit Blick auf das Meer und die Bergketten von Skye am Horizont immer noch den Charme einer gediegenen Jagdhütte aus.

Gairloch
Unser Hostel liegt direkt am Rand der Klippen, gegenüber von einem grandiosen Strand

Unser Zimmer für die nächsten beiden Tage direkt unter dem Dachfirst haben wir für uns alleine, außer uns ist heute auch nur eine größere Schulgruppe im Hostel. Bei der Buchung bin ich noch auf das Angebot gestoßen, ein Abendessen zu bestellen. „Self-Catering-Style Meal“ klang soweit ganz gut. Vor Ort stellt sich dann aber heraus, dass wir kein Kantinenessen, sondern wirklich nur die (tiefgefrorenen) Komponenten für Chili con Carne mit Reis gebucht haben… gut. Die Lust, sich nach 21 Uhr noch an den Herd zu stellen, hält sich zwar in Grenzen, aber da die Mägen einerseits Bedarf anmelden und die blitzblanke Küche andererseits perfekt ausgestattet ist, steht wenig später eine recht passable Mahlzeit auf dem Tisch. Den kurzen Abendspaziergang zum Strand gegenüber legen wir wegen Übersättigung ad acta und fallen in die Betten.



Ullapool nach Gairloch: 90 Kilometer
Fußweg zum Hostel: 4 Kilometer

Michael

Hallo, ich bin Michael. Wenn ich nicht im Alltag mit Statistiken und Zahlen jongliere genieße ich es, die Welt zu erkunden.

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